Ich distanziere mich! (wohl das erste Mal in meinem Leben)

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„Es bricht mir das Herz“ wäre eine unpassende Formulierung, denn der Verlust eines ehemaligen Freundes und Kollegen lässt mich nicht in eine Lebenskrise stürzen. „Es zerbricht mir den Kopf“ ist daher eine passendere Beschreibung, wenn ich an Gert Ewen Ungar denke, der seit ein paar Jahren in Russland lebt und arbeitet. Ich muss mich von diesem Mann distanzieren, mich von ihm abgrenzen, weil ich seinen Weg weg vom Journalismus zum Haltungsjournalismus nicht mitgehen kann.

Nach der Einordnung kommt die Distanzierung, wir kennen das. Melanie Amann hat gerade kürzlich erst wieder ausgiebig darauf hingewiesen, wie der Job eines seriösen Journalisten auszusehen hat (und dabei bewiesen, wie seriöser Journalismus nicht geht). Wir distanzieren uns zu Tode, und doch gehe nun auch ich auf Distanz. Das ist aber weniger eine journalistische als eine persönliche Entscheidung. Gert Ewen Ungar fordert einen russischen Angriff auf Deutschland. Und wenngleich ich auf einer emotionalen Ebene ein gewisses Verstehen entwickeln kann (was nicht mit Zustimmung verwechselt werden sollte, aber irgendjemand wird es ohnehin wieder so „einordnen“), kann ich auf der Ebene des Journalisten und des Aktivisten und des Menschen nicht im Ansatz akzeptieren. Dazu weiter unten mehr.

Parallel zu diesem Text hier entstand ein weiteres Stück, das Roberto De Lapuente verfasst hat. Hintergrund ist bei Roberto wie auch bei mir die gemeinsame Geschichte, die uns über die „neulandrebellen“ verbindet. Wäre Gert Ewen Ungar „nur“ ein Kollege, hätten wir seine Ausfälle sicher nicht weiter beachtet. So aber wurde aus der Sache dann doch etwas ziemlich Persönliches, wie Roberto schreibt:

„Die folgenden Zeilen sind nicht einfach die Geschichte einer Entfremdung, sie dokumentieren viel mehr, wie der Krieg Fronten im zivilen Leben aufwirft – und welche Methoden zwischen einstigen Kollegen, die sich gut zu verstehen schienen, angewandt werden, wenn der Krieg dräut. Und sie zeigen auf, wie sehr es persönliche Erlebnisse sind, die die Bewertung der allgemeinen Sicht auf die Lage beeinflussen können.“

Galerie des Krieges

Um zu verstehen, was hier genau passiert ist, sind einige Screenshots hilfreich. Gert Ewen Ungar hatte kürzlich folgende Tweets veröffentlicht:

Bei diesem Tweet dachte ich zunächst: „Ok, das zeigt die Stimmung in Russland auf, zumindest eine Tendenz. Es ist gut, das zu wissen, die Menschen hier sollen mitbekommen, wie die Russen oder Teile von ihnen denken.“

Der Zusatz: „Ihr müsst die Erfahrung eines Krieges wieder machen, glauben viele hier“ war für mich ein Zeichen dafür, dass Ewen Ungar einen Einblick in die russische Sicht erlaubte. Aber er gab nicht wieder, was er bei anderen wahrnahm, sondern formulierte seine eigenen Überzeugungen, wie die nachfolgenden Tweets belegen:

Ein weiterer „Spuk ist vorbei“: Meine Freundschaft zu Gert Ewen Ungar ist Geschichte. Mit verschwunden ist aber auch meine Achtung vor ihm. Und man mag das als Leser nachvollziehen können oder nicht, aber im Falle eines Krieges würde ich wahrscheinlich lieber einem Russen gegenüberstehen als Gert Ewen Ungar, wenngleich dieses Szenario sehr abstrakt ist.

Blick zurück

Mit Gert Ewen-Ungar hat mich in den letzten Jahren vieles verbunden, wir hatten einen gemeinsamen Blog, haben gemeinsam gepodcastet und lebten eine Weile sogar zusammen (nicht in einem Haushalt) in Moskau. Mich hat der Weg wieder zurück in den westeuropäischen Raum geführt. Die Gründe sind vielfältig, aber was sich auch seit meinem Weggang aus Russland nicht verändert hat, ist meine geopolitische Analyse bezüglich der Ukraine.

Die Kurzform: Der Westen wollte den Ukraine-Krieg, er will ihn noch immer, er hat ihn so lange provoziert und aktiv vorbereitet, bis sein Ausbruch faktisch nicht mehr zu verhindern war. Das ganze Gerede über einen unprovozierten Angriffskrieg ist schlichter Unsinn. Völkerrechtswidrig? Ja. Aber unprovoziert? Auf keinen Fall! Mehr schreibe ich dazu nicht, habe es unzählige Male getan, wer mag, kann sich durch meine Arbeit wühlen.

Was mir klar ist (und was eigentlich niemanden überraschen sollte): Seit 24. Februar 2022 ertönt im Westen ein Säbelrasseln, das wohl bis zur Milchstraße zu hören sein dürfte. Dass solch ein Verhalten die andere Seite provoziert, ist logisch und sicher auch genau so gewollt. Der mit Abstand schlimmste Hetzer heißt Roderich Kiesewetter (CDU), er will den Russen „die Stunde null ermöglichen“, den Krieg weit ins russische Gebiet hineintragen und Moskau kapitulieren sehen.

Kiesewetters und die Nadelstiche der anderen „Experten“ gehören zum Konzert der Kriegsvorbereitungen, und die Tatsache, dass diese Leute in aller Regel nichts zu melden haben und keine wichtigen Posten besetzen, unterstreicht die Strategie. Sie verbreiten den lieben langen Tag lang Hass, Hetze und Kriegsvorbereitung.

Die Falken stehen also bereit, im Westen, aber auch in Russland. In Deutschland machen sich die meisten Menschen scheinbar nicht bewusst, dass aus der Perspektive des Westens Putin ein Hauptgewinn ist. Es gibt wohl nur wenige Staatenlenker auf der Welt, die auch über einen so langen Zeitraum – angehäuft mit so vielen heftigen Provokationen – die Ruhe bewahren und weiterhin versuchen würden, eine weitere Eskalation zumindest zu vermeiden.

Mit einem anderen russischen Präsidenten wäre der Dritte Weltkrieg wohl längst ausgebrochen und ich würde hier nicht sitzen und schreiben.

Gegen den Krieg!

Aber kommen wir zum Punkt dieses Textes. In jedem Krieg nimmt jede Kriegspartei für sich in Anspruch, auf der richtigen Seite zu stehen, im Recht zu sein. Alles andere wäre ja auch albern, wer lässt sich schon gern in einen „ungerechten Krieg“ schicken? Wohl niemand, aber ist der Krieg „gerecht“, lassen sich schon eher Menschen aktivieren, die das Gewehr in die Hand nehmen und in den Krieg ziehen.

„Kriegspartei“ ist aber nicht gleich „Kriegspartei“. Wir sprechen hier von der politischen (oder auch militärischen) Ebene einerseits, und wir sprechen von den betroffenen Bevölkerungen andererseits. Die bewerten einen Krieg naturgemäß anders als politische Führer und/oder Akteure, die vom Krieg profitieren.

Wir, hier unten, da drüben, an den Bildschirmen, wir sind nicht die Entscheider, wir sind die Betroffenen, die Opfer der politischen Entscheidungen, die losgelöst von uns und unseren Wünschen, Interessen und Ängsten getroffen wurden. In dieser Rolle der Betroffenen sollten wir bestenfalls denken, fühlen und handeln. Wir müssen zum Ausdruck bringen, dass wir nicht einverstanden sind mit den Entscheidungen, die uns in einen Krieg führen. Wir müssen auf Diplomatie und Deeskalation drängen und Kriegshetzer als solche erkennen und offen und öffentlich benennen.

Dabei haben wir nicht nur mit den unverantwortlichen Entscheidungen der Politik zu kämpfen. Wir sehen uns auch Teilen der Bevölkerung gegenüber, die in das Kriegsgeschrei mit einstimmen. Bisher hatte ich direkt oder indirekt nur mit dem deutschen Teil der Bevölkerung zu tun, doch seit ein paar Tagen kenne ich mindestens einen russischen Falken.

Und der macht mir nicht weniger Angst als die westlichen Falken. Aber das Schlimme daran ist gar nicht so sehr die inzwischen komplett unterschiedlichen Bewertungen des Ukraine-Krieges bzw. vermeintlich angemessener Reaktionen von Russland aus. Schlimm finde ich den grundlegenden Abschied aller friedliebenden Überzeugungen, die bei Gert Ewen Ungar offenbar nur noch Schall und Rauch sind. Wer schreibt, wie Gert Ewen Ungar oben zitiert wird, will Krieg, keinen Frieden. Und selbst, wenn ich die geopolitische Analyse Ewen Ungars teile, kann ich seine Schlussfolgerung unmöglich akzeptieren. Es geht einfach nicht.

Wie beendet man Kriege? Durch Sieg oder Kapitulation, was eher selten der Fall ist. Durch Verhandlungen, was historisch betrachtet das häufigste Szenario war. Das sagen nun wirklich so ziemlich alle Experten, vom Historiker bis zum General a. D. (die, die noch im Dienst sind, können sich diese Überzeugung nicht leisten).

Und wie sieht der Gegenentwurf aus? Das ist der, den Roderich Kiesewetter, Anton Hofreiter, Norbert Röttgen und die anderen Falken favorisieren. Wir kennen das, hören es jeden Tag, und jeden Tag nimmt die Eskalationsbereitschaft zu. Ja, wir kennen das, und wir verurteilen es aufs Schärfste, zumindest, wenn wir uns nach Frieden sehnen.

Aber wenn ich Röttgen und seine Komplizen verurteile und verachte, wie kann ich dann gegenüber Gert Ewen Ungar ein gegenteiliges Gefühl entwickeln? Er argumentiert wie die Falken, und wenn es aussieht wie ein Falke, fliegt wie ein Falke und hetzt wie ein Falke, dann ist es wahrscheinlich ein Falke. Aber die Falken habe ich bislang woanders verortet, nicht in Bodennähe, wo wir Menschen leben, lieben, lachen und – wenn es nach den Falken geht – in Zukunft im Krieg sterben. Ich sah die Falken weit weg, in teuren Anzügen und lachend vor einem Kamin stehen, während vor der Tür Menschen sterben. Diese Falken, das waren für mich in erster Linie die, die an der Macht sind, die, die ihre Interessen um jeden Preis verteidigen wollen, und wenn das mit Krieg einhergeht, dann ist das eben so.

Aber die Vernünftigen sagen etwas anderes: Sie argumentieren, dass es bei der Diplomatie darum gehe, durch Verhandlungen die gegensätzlichen Positionen an einen Tisch zu bekommen. Da werden Kompromisse ausgehandelt, es wird verabredet, Verabredungen werden nicht eingehalten, es geht wieder von vorn los, Versprechen werden gegeben, gebrochen, und wieder muss neu angesetzt werden.

Das ist kein Zuckerschlecken, es ist harte Arbeit, aber eine, die gemacht werden muss, wollen wir nicht in Tod und Chaos enden. Wir, hier unten, mit unserer Lebenswirklichkeit, können nur fordern, bitten, fast betteln, damit die Entscheider die richtigen Entscheidungen treffen, nämlich die Entscheidungen, die den Krieg beenden. Wenn wir uns auf die Seite der Kriegshetzer begeben, geben wir unsere Seele bei unseren Regierungen ab, denn diese Regierungen brauchen letztlich unsere Zustimmung, um mit dem Wahnsinn beginnen zu können. Wenn der Krieg dann erst mal läuft, brechen ohnehin alle Dämme, die Menschen im Land werden ihre Regierungen nicht mehr wiedererkennen, einfach, weil im Krieg andere Regeln gelten, oftmals überhaupt keine mehr, aber häufig eben auch andere, solche, die mit Grundrechten, Humanismus, Demokratie oder auch nur einem gemütlichen Abend vor dem Fernseher nichts mehr zu tun haben.

Zum Schluss

Bei allen Unterschieden, die es in der politischen Bewertung aller möglichen Themen gibt, sollte es doch eine Gemeinsamkeit geben: den unbedingten Wunsch nach Frieden! Man kann sich über alles Mögliche streiten, kann temporäre Allianzen schließen (während Corona ging das recht gut), die irgendwann, wenn das gemeinsame Ziel erreicht ist, auch wieder aufgelöst werden können, oft lässt sich das gar nicht vermeiden.

Wer sich aber hinstellt und für den Krieg plädiert, wer den Mord an Politikern fordert, damit „der Spuk vorbei“ ist, der hat den Boden verlassen, auf dem wir gemeinsam gehen können. Denn er fordert im Zweifel auch den Tod von Menschen, die ich kenne, die mir wichtig sind, und am Ende meinen eigenen. Wenn er dann noch sagt, es gehe nicht um diese Menschen, sondern um „das Ganze“, dann hat er sich vom Humanismus verabschiedet.

Und dann wäre da ja noch die Frage danach, wer recht hat. Kriegshetzer aalen sich in dieser Frage regelrecht, weil sie argumentieren, wer im Recht sei, könne auch Krieg führen. Auch das kennen wir, und wenn es nicht so ganz klar ist, wer im Recht ist, gibt es ja immer noch das Recht auf Selbstverteidigung, das mittlerweile zu einem billigen Versuch der Rechtfertigung für Mord und Totschlag geworden ist.

Aber, Gert Ewen Ungar, die Vernünftigen sagen nicht, dass die Gründe für einen Krieg nur gut genug sein müssen, um ihn guten Gewissens führen zu können. Die Vernünftigen sagen, dass die Beendigung des Krieges Priorität haben muss, wer der „Gute“ oder der „Böse“ ist, spielt für Diplomatie und Verhandlungen zunächst überhaupt keine Rolle.

Speziell bei diesem Punkt dachte ich lange Zeit, dass wir uns einig sind. Aber diese Zeiten sind offenbar vorbei, und so haben „sie“ (all die, die Kriege führen wollen) es geschafft, auch zwischen uns einen Keil zu treiben. Das schmerzt, und es ist mir offen gestanden egal, wer welchen Falken erliegt – wer mit ihnen fliegen will, hat sich für die Seite des Krieges entschieden.

Schade, dass Gert Ewen Ungar diesen Text wohl nicht lesen wird. Er hat mich auf X blockiert. Und das ist wohl noch die sanfteste Form des Krieges.

 

 

 

 

 

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Tom J. Wellbrock
Tom J. Wellbrockhttps://neulandrebellen.de/
Tom J. Wellbrock ist Journalist, Autor, Sprecher, Radiomoderator und Podcaster. Er führte unter anderem für den »wohlstandsneurotiker«, dem Podcast der neulandrebellen, Interviews mit Daniele Ganser, Lisa Fitz, Ulrike Guérot, Gunnar Kaiser, Dirk Pohlmann, Jens Berger, Christoph Sieber, Norbert Häring, Norbert Blüm, Paul Schreyer, Alexander Unzicker und vielen anderen. Zusätzlich veröffentlicht er Texte auf verschiedenen Plattformen und ist für unsere Podcasts der »Technik-Nerd«.

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QuerdenkerOhnePLZ
QuerdenkerOhnePLZ
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27 Minuten vor

Respekt, Tom.
Es kann nicht einfach gewesen sein, diesen Text zu schreiben und zu veröffentlichen.

Was die Falken angeht: deren Kriegspropaganda zeigt leider Wirkung, wie ich auch in meinem Umfeld tagtäglich beobachten muss. (Und das wird den russischen Medien nicht viel anders sein, fürchte ich.) Ich höre fast täglich, dass da in Russland „ein ganz merkwürdiger Zar“ an der Macht sei, um den „wir“ uns mal dringend kümmern müssten – auch und gerade von Menschen, die nichts zu sagen haben, sich für Mord und Totschlag aber irgendwie dennoch begeistern lassen. Ich habe inzwischen aufgegeben, dagegen zu argumentieren. Wenn sich dank (Selbst-)gleichschaltung von Tagesschau bis BILD alle einig sind, wieso sollten sie dann auf mich hören? Das kann ja nur randständiger Quatsch sein, den ich da verzapfe…

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