Kürzlich war in den sozialen Medien ein Video zu sehen, in dem die zum Islam konvertierte Sängerin und Moderatorin, die dort sprach, ihrem Publikum erklärte, sie sei jetzt „in der Liebe“ (oder „im Frieden“, ich erinnere mich nicht mehr genau). Im selben Video bezeichnete sie ihre politischen Gegner als keine Menschen, nannte sie „Tiere“. Die Diskrepanz ihrer Aussagen fiel ihr ganz offenbar nicht einmal auf.
Vor ein paar Tagen las ich, dass ein ehemaliger Freund von mir – ein Deutscher, der inzwischen in Russland lebt und arbeitet – der Meinung ist, Russland müsse Deutschland und EU-Europa zeigen, wo es langgeht. Er sprach sich für einen Angriff Russlands auf Deutschland aus:
„Anders geht es nicht. Auf der Grundlage von Vernunft und Überlegung ist deutsche Politik und sind große Teile der deutschen Gesellschaft nicht zu Frieden fähig. Nur auf der Grundlage von Angst vor Vernichtung. Leider. Die Logik des Kalten Krieges muss wieder her.“
Nun ist es nicht überraschend, dass die Stimmung in Russland kippt bzw. bereits gekippt ist. Die Falken stehen hier wie dort in den Startlöchern oder haben bereits Tempo aufgenommen, und nach mehr als vier Jahren westlicher Provokationen kann nur gänzlich Ahnungslose überraschen, dass der eine oder andere russische Finger bereits am Abzug klebt.
Der Hinweis, Russland führe einen (natürlich unprovozierten, völkerrechtswidrigen und gänzlich unbegründeten) Krieg gegen die Ukraine, soll an dieser Stelle nicht weiter beachtet werden. Aus einem einfachen Grund: Dieser Hinweis ist Unsinn, von Kriegstreibern verbreiteter Schwachsinn, der jeglicher realen Grundlage entbehrt. Wer die Vorgeschichte des Ukraine-Krieges nicht kennt oder sie gleich ganz leugnet, ist ohnehin hoffnungslos verloren. Es ergibt einfach keinen Sinn, mit jemandem zu diskutieren, der historische Fakten und geopolitische Realitäten ausblendet. Daher die Nichtbeachtung dieses Einwandes an dieser Stelle.
Wirklich bitter ist die Erkenntnis, dass sowohl oben erwähnte Sängerin als auch der danach genannte Freund, der inzwischen in Russland lebt, im Grunde grundlegende Überzeugungen vertreten (oder besser: vertraten), die von meinen eigenen nicht weit entfernt, teilweise sogar deckungsgleich waren.
Aber beide sind Falken geworden! Wir können jetzt darüber sprechen, wie es dazu kommen konnte, doch die Erklärung wäre recht einfach: Wer immerzu und jeden Tag bis aufs Messer provoziert wird, wer als Feind der Gesellschaft dargestellt wird, weil er abweicht von dem, was als gesetzt eingeordnet wurde, der wird sich womöglich selbst radikalisieren. Es muss nicht so laufen, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch.
Und letztlich ist es so ja auch gewollt. Die Kriegstreiber müssen ihre tatsächlichen und metaphorischen Gewehre auf die richten, die sie bei ihren Plänen behindern. Die Angriffe müssen so hart sein, dass die Angegriffenen es spüren, den Schmerz empfinden, der ihnen zugefügt wird. Als Konsequenz werden die meisten sich zurückziehen, den Mund halten, vielleicht sogar mitmachen bei dem „Spiel der Perversen“. Der mutige Rest wird weiter drangsaliert, provoziert, angegriffen, gedemütigt, so lange, bis sie selbst zu Falken geworden sind. Damit ist das Ziel erreicht.
Und das geschieht immer häufiger. Wenn die genannte Moderatorin ihre Gegner als „Tiere“ bezeichnet und der ehemalige Freund auf den Einwand hin, dass seine geforderte Strategie auch Opfer aus seinem persönlichen Umfeld bedeuten würde, auf „das Ganze“ verweist und damit jedes Individuum für verzichtbar erklärt, dann mag man das theoretisch vortrefflich erklären können, praktisch bedeutet es aber nichts anderes als das: Beide erachten den politischen Gegner als Faktor, auf den man verzichten kann, wenn es denn der guten Sache, nämlich: der eigenen Sache, dient.
Was alle Falken gemeinsam haben: Sie nehmen keinerlei Rücksicht. Sie unterscheiden nicht zwischen schuldig und unschuldig, mehr noch: Sie scheinen auch Unwissenheit oder abweichende Meinungen als verurteilenswert genug zu betrachten, um den Wert des menschlichen Lebens schlicht zu ignorieren und/oder zu verachten und somit auslöschen zu wollen.
Können Falken „in der Liebe“ oder „im Frieden“ sein? Vielleicht, zumindest ihrer eigenen Wahrnehmung folgend. Aber tatsächlich machen sie sich etwas vor, wenn sie argumentieren wie ihre politischen Gegner, für sich aber in Anspruch nehmen, besonders human oder gerecht zu empfinden. Nein, das tun sie nicht.
Wir befinden uns in einer Eskalationsspirale, deren Eigendynamik mittlerweile so viele Risiken birgt, dass wir nur noch hoffen können – auf Vernunft, Diplomatie und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Wir haben es nicht in der Hand, auch wenn wir das nicht hören wollen. Die Entscheidungen werden losgelöst von uns und unseren Wünschen, Bedürfnissen und Ängsten getroffen, sie werden auf einer Ebene gefällt, mit der wir „hier unten“ nichts zu tun haben. Das schmeckt uns nicht, und es schmeckt uns aus guten Gründen nicht.
Aber in der Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und vollgepackt mit der eigenen Angst finden wir keine Lösung, und ganz bestimmt kein „im Frieden“ und kein „in der Liebe“.
Wenn wir aufgrund „des Ganzen“ zu den gleichen Falken werden, die wir zu Recht kritisieren und vor denen wir berechtigt Angst haben, haben wir nichts verstanden und werden nichts erreichen, außer noch mehr Gewalt, noch mehr Eskalation, noch mehr Falken.

