Leben im Krieg

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Befinden wir uns bereits im Krieg? Oder doch (noch) im Frieden? Die Diskussionen um diese Frage müssen gemeinsam mit den psychologischen Aspekten betrachtet werden, die damit einhergehen. Und die sind verheerend.

Der Druck, der auf die deutsche Bevölkerung ausgeübt wird, erreicht beinahe täglich neue Ausmaße. War die Zeit der Corona-Maßnahmen für viele Menschen irgendwann fast schon unerträglich, gab es auch nach dem Ende der sogenannten Pandemie weder Entwarnung noch Entspannung. Ein Krieg ist die größte aller möglichen Bedrohungen. Der Umgang mit dem Thema an sich trägt maßgeblich dazu bei, wie die Menschen mit der Gefahr umgehen.

Teil 1: Die sachliche Ebene

Die Angst vor der Angst

Blickt man etwas genauer auf die Berichterstattung, die sich um das Thema „Krieg“ dreht, fallen unterschiedliche Dinge auf. Zum einen wird zwischen verschiedenen Kriegen unterschieden, Angriffskriege etwa führen ausnahmslos die „Bösen“ durch, also Russland oder Länder wie der Iran. Wobei die Berichte über den Iran äußerst verwässert sind, was durch die unklare Ausgangslage erklärbar wird. Denn die Beteiligten sind neben dem Iran die USA, Israel und letztlich fast der gesamte Westen. Die Aufteilung der Feindbilder ist hier nicht so einfach umzusetzen, und erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass im Westen recht große Konfusion darüber besteht, wie man denn nun eigentlich zum US-Präsidenten Trump steht. Im Zweifel aber ist ein Krieg mehr besser als einer weniger, denn die Angsterzeugung funktioniert am besten, wenn man sie an unterschiedlichen Fronten betreibt.

Während Russland als Bedrohung für den gesamten Westen und (natürlich!) die Demokratie als solche wahrgenommen und transportiert wird, verhält es sich beim Iran komplizierter. Im Falle Russlands sind die Bedeutungen der beteiligten Akteure aus westlicher Sicht leicht einzuordnen. Russland = böse, Westen (NATO, USA, EU) = gut. Die Vorgeschichte, die zum aktuellen Krieg führte, ist seit dem 24. Februar 2022 selbst Geschichte geworden, und zwar eine, die nicht mehr erzählt wird.

Somit bleibt für den gemeinen Medienkonsumenten nur die Erzählung, die er jeden Tag frisch serviert bekommt. Und die steckt voller Angsterzeugung. Der eigentlich nicht auflösbare Widerspruch jener Erzählung steht wie ein rosa Elefant zwar im Raum, wird aber von der Bevölkerung nicht oder nicht mehr durchdrungen. Der aktuelle Krieg in der Ukraine dauert nun schon länger als der Zweite Weltkrieg, und Russland war bis hierhin scheinbar nicht in der Lage, ihn zu gewinnen. Die vermeintliche Schwäche Russlands wird in der deutschen Politik und in deutschen Medien immer wieder lautstark betont, sie wird als Vorwand für weitere Aufrüstung und Eskalation benutzt. Jetzt, so hören und lesen wir immer wieder, sei ein guter Zeitpunkt für was auch immer, in jedem Fall aber sei die nächste Eskalationsstufe notwendig, um weitere Eskalation zu vermeiden. George Orwell würde bei dieser Argumentation wohl gähnend und mit einer abwertenden Handbewegung zu Ausdruck bringen, was er von dieser bizarren Logik hält.

Der Punkt hinter den letzten Satz des Narrativs ist noch nicht gesetzt, da hören und lesen wir schon die nächste Argumentation. Es dauere nicht mehr lange, dann sei Putin (nicht Russland, es muss schon das personifizierte Böse sein) in der Lage, den Westen anzugreifen. Aktuell ist das finale Datum 2029, es kann aber auch Anfang der kommenden Woche so weit sein. Putin muss eine Art „Schrödingers Katze“ sein, der nicht in der Lage ist, Krieg zu führen, während er gleichzeitig in der Lage ist, Krieg zu führen.

Über all dem steht jedoch die Angst, es geht also weder um Logik noch um Sinnhaftigkeit. Die Angst der Deutschen vor dem Russen funktionierte über den Kiewer Umweg allerdings nicht so gut. Für die meisten Menschen ist der Ukraine-Krieg nicht ihr Krieg, im Gegenteil, viele zweifeln sogar eher an der noblen westlichen Motivation, diesen Krieg zu unterstützen (wie wäre es wohl, wenn dieselben Menschen auch noch wüssten, dass der Westen diesen Krieg nicht nur unterstützt, sondern initiiert und finanziert hat?). Es fiel also zunehmend schwerer, die Ukraine als Verteidigerin der westlichen Werte zu sehen, insbesondere, weil die Verhältnisse im Land desaströs sind, die Ukraine ist korrupt bis in die Fußspitzen ihres Präsidenten, Faschisten erfreuen sich großer Beliebtheit oder werden postum gefeiert, inklusive der Vergabe von Straßennamen zu ihren Ehren.

Im nächsten Schritt musste also eskaliert werden, die Solidarität der Deutschen gegenüber der Ukraine drohte abzuebben. Und so kam das naheliegende Szenario auf den Tisch: der Angriffskrieg Russlands gegen Deutschland, die EU, den Westen, die NATO (die USA übrigens nicht). Auch hier war und ist die westliche und die deutsche Argumentation schwach, nicht stimmig, lässt sich weder bezüglich der militärischen Stärke noch der strategischen Nachvollziehbarkeit erklären. Russland, und da sind sich nun wirklich fast alle Militärexperten einig (abzüglich derer, die ohnehin nur einen Krieg herbeireden wollen), ist weder in der Lage noch motiviert, den Westen anzugreifen. Doch mit dieser Aussage lässt sich nun einmal keine Angst erzeugen.

Also werden irgendwelche Modellrechnungen aufgemacht und Russlands militärische Stärke so dargestellt, dass es konventionell eine echte Gefahr darstellen würde. All das ist fernab der Realität, zumindest wenn es um konventionelle Kriegsführung geht. Doch dies zu Ende gedacht, wartet schon die nächste Angst, die vor einem dritten Weltkrieg, geführt mit Atomwaffen. Es ist hier und da durchgesickert, dass Russland eine Niederlage in einem konventionellen Krieg nicht akzeptieren würde, es würde die Aufgabe des eigenen Landes bedeuten, und das wird Russland nicht tun, das weiß jeder, der das kleine Einmaleins beherrscht.

Die Angst vor einem Atomkrieg kommt den Entscheidern im Westen entgegen, auch wenn sie kollektiv beschwichtigen und behaupten, Russland (Putin!) würde dieses Risiko nicht eingehen. Das hängt aber weniger mit einer pragmatischen Erkenntnis zusammen als vielmehr mit der Tatsache, dass die eigene Aufrüstung weiterhin erklärt und begründet werden muss. Also bleibt Putin der Gefahrenherd, wenngleich die Begründungen dieser Argumentation immer diffuser werden und wahlweise zwischen „Der kann eh nichts“ und „Wir werden alle sterben!“ angesiedelt ist.

Teil 2: Die emotionale Ebene

Alles in allem werden die Menschen ziemlich hilf- und ratlos zurückgelassen. Ob sie für oder gegen den einen oder anderen Krieg sind, spielt keine Rolle, was die Ohnmacht in der Bevölkerung noch verstärkt. Am ehesten scheinen junge Menschen in Deutschland verstanden zu haben, dass auf sie dunkle Zeiten zukommen. Die Demos der jüngeren Vergangenheit gegen die Wehrpflicht und die inzwischen sehr konkrete Kriegsgefahr führen zum Nachdenken, was zunächst einmal eine gute Nachricht ist.

Aber darüber hinaus befinden wir alle uns längst im Krieg. Dieser Krieg geht in erster Linie von unseren politischen Verantwortlichen aus. Der mittlerweile kaum noch zu ertragende Russenhass auf der politischen Entscheiderebene basiert auf zutiefst niederträchtigen Gefühlen auf der einen Seite. Und auf der Tatsache, dass Deutschland wirtschaftlich wiederholt gegen die Wand gefahren wurde. Jetzt haben wir den Salat, aber keinerlei politische Bereitschaft, die Handlungen der letzten Jahre selbstkritisch zu überdenken.

Und noch während der durchschnittliche Bürger versucht, die deutsche Russophobie zu durchdringen, wird schon massiv und kontinuierlich gegen ihn selbst Krieg geführt. Spitzenreiter der derzeitigen Bundesregierung in Sachen Publikumsbeschimpfung (kombiniert mit einem nur noch als lächerlich zu bezeichnenden Hang zur Jammerei) ist Friedrich Merz (CDU). Seine Schüsse gegen Deutsche, die zu faul sind, zu oft krank oder einfach nur „Miesepeter“, haben andere längst motiviert, ebenfalls ein paar herablassende Drohnen in die Köpfe der Deutschen zu feuern. Ein Beispiel ist Karl Lauterbach (SPD), der zu den schlimmsten Hetzern in der Zeit der Corona-Maßnahmen gehörte und nun – offenbar motiviert durch den Kanzler, der seine Abneigung dem Volk gegenüber sehr deutlich adressiert hat – klargestellt hat, wer in Deutschland nicht gebraucht wird:

Schnief? Ernsthaft? Ja, allerdings. Die Dämme sind gebrochen, die Distanz zwischen Politik und Bevölkerung könnte kaum größer sein, und trotzdem können Politik und Medien weiter eskalieren, die Bevölkerung beschimpfen und täglich neue Grausamkeiten beschließen. Groß vorbereitet war der Kahlschlag, den wir derzeit bei den Sozialsystemen erleben. Über Monate hieß es, es brauche „Reformen“, weil das alles nicht mehr finanzierbar sei. Herausgekommen ist die Beschneidung und mindestens teilweise Zerstörung des Renten-, Kranken- und Pflegesystems, nachdem zuvor bereits festgelegt wurde, dass Arbeitslosigkeit von behördlicher Seite aus massiv bestraft und sanktioniert wird.

Und so stellen wir Folgendes fest: Die Menschen werden lokal, regional, national und international täglich und immer mit Angsterzeugung unter Stress gesetzt. Corona, Klimawandel, Ukraine-Krieg, Migrationsprobleme, Islamismus, Rechtsextremismus, Linksextremismus – die Themen sind nicht entscheidend, die moralisierende und ständige Erzeugung von Angst steht im Vordergrund.

Erst kürzlich machte ein grüner Bürgermeister von sich reden, der in München Wasserknappheit entdeckt haben will und entsprechend restriktive Handlungsempfehlungen aussprach. Ob die vom Bürgermeister genannten Pegelstände wirklich so schlimm waren, wie behauptet, ist unklar, aber wie es scheint, wurde zumindest ein wenig zu dick aufgetragen bei der Panikmache. Doch das ist nicht der entscheidende Punkt. Vielmehr ist es als geradezu absurd anzusehen, dass die Münchener mit Argusaugen auf ihren Wasserverbrauch beim Duschen oder Zähneputzen blicken sollen, der Wasserverbrauch, der beispielsweise durch Künstliche Intelligenz (KI) erzeugt wird, jedoch besser nicht ihr Interesse wecken sollte.

Der schon als wahnsinnig zu bezeichnende Widerspruch zwischen Umweltbewusstsein auf der einen und unzähligen Kriegen auf der anderen Seite (die man als den Umweltkiller schlechthin bezeichnen kann) wird heute nicht mal mehr groß thematisiert, er passt nicht zur allgemeinen Erzählung und wird daher ausgeblendet, man könnte auch sagen: argumentativ eliminiert.

Damit beschreiben wir ein Leben im Krieg. Denn die genannten Themen eignen sich alle bestens, um ein Maximum an Angst zu erzeugen, egal, ob vor dem Russen, der Sonne, einem Virus oder Migranten. Im Krieg ist die Angst der Dauerzustand, im heutigen Leben ist sie es ebenfalls geworden. Es geht um nicht weniger als Leben und Tod, wenn vom Ukraine-Krieg die Rede ist, vom Klimawandel, Viren oder Terroristen, und die entsprechenden Maßnahmen müssen radikal sein, so radikal, dass jeder davon betroffen ist, und wer nicht betroffen ist oder sich auch nur einbildet, nicht betroffen zu sein, der gerät schnell in die Fänge der Moralwächter und Kontaktschuldentdecker. Kurze Zeit später wurde aus dem ahnungslosen Bürger ein „Problemfall“, der im besten Fall nur ein bisschen gestoßen wird, im schlimmeren Fall plötzlich im Bademantel vor Polizeibeamten steht und im schlimmsten Fall von jetzt auf gleich kein Konto oder Job mehr hat, oder es ist gleich beides weg.

Denn neben der Angst braucht der Krieg naturgemäß einen Feind, und wenn der Feind nicht eklatant vor uns steht, muss halt ein Feindbild herhalten, das tut es im Zweifel auch. Und Feindbilder haben wir in Deutschland mittlerweile ähnlich viele wie Bundestrainer, mit dem Unterschied, dass die zig Millionen Bundestrainer ihre Weisheiten ohne Folgen absondern dürfen. Wer dagegen die Komfortzone des Sports verlässt und sich politischen Themen nähert, wird schnell lernen müssen, dass seine unmaßgebliche Meinung nicht nur nicht erwünscht ist, sondern im Zweifel sogar aktiv und massiv bekämpft wird.

Teil 3: Lösungsansätze

Verkürztes Denken

Zur Angsterzeugung, dem Aufbau von dauerhaftem Stress und dem Feindbildaufbau kommt das hinzu, was man als „moralisierenden Totalitarismus“ bezeichnen kann. Man kann es zusammenfassen als begrenztes Denken, oder auch als selektives Denken. Der moralisierende Totalitarismus setzt auf nur wenige Argumente, wenn er sie denn überhaupt in Anspruch nimmt. Die Argumentation des Absenders beruht auf Moral und einer ausgedachten Erzählung, die weiter aufrechterhalten wird. Das ist aus zwei Gründen problematisch.

Erstens ist jede Erzählung nur so gut wie ihre Fähigkeit, die Richtung zu wechseln. Das heißt, dass jede Geschichte sich verändern kann, etwa, wenn neue Fakten hinzukommen oder sich alte Annahmen als falsch erwiesen haben. Im moralisierenden Totalitarismus ist ein solcher Richtungswechsel nicht möglich bzw. nicht gestattet. Wir können das sehr gut am Ukraine-Krieg sehen, im Zuge dessen die EU inzwischen das x-te Sanktionspaket auf den Weg gebracht hat, ohne im eigenen Sinne etwas damit zu erreichen. Doch das Narrativ ist in der Welt, man könne den Sieg der Ukraine durch Sanktionen erreichen, und wenn es bisher nicht geklappt hat, dann wird es eben mit dem nächsten Sanktionspaket gelingen. Das hat sich längst als ziemlich dumme Fehlannahme herausgestellt, da es aber um die Erzählung, nicht um eine wie auch immer geartete vernünftige Herangehensweise geht, sind die Ergebnisse zweitrangig, erst recht, wenn das eigentliche Ziel die Schwächung Russlands oder sogar ein Krieg mit Russland ist. Die eigene Schwächung wird hier gern in Kauf genommen.

Zweitens ist die Basis für eine Argumentation immer die beste, wenn sie möglichst breit aufgestellt ist. Wenn zwei diskutieren, tun sie das am besten auf der Grundlage dessen, was an Argumenten rauszuholen ist. Anders ausgedrückt: Je unterschiedlicher die Ansätze und je größer die Offenheit für die Argumente der Gegenseite, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende der Diskussion etwas herauskommt. Im besten Fall sind beide Gesprächsteilnehmer in der Folge schlauer geworden, jeder hat seine eigene Argumentation hinterfragt bzw. wurde hinterfragt.

Aber so funktioniert das heute nicht mehr, diese Herangehensweisen wurden nach und nach „vom Hof gejagt“, übriggeblieben sind fade und in sich unschlüssige Erzählungen, die vorn und hinten nicht stimmen. Und eben, weil sie nicht stimmen oder wässrig sind, werden sie auf das Nötigste beschränkt. Versuchen wir es mit einem Beispiel:

Herr Müller hat sich viel mit dem Klimawandel beschäftigt. Am Ende kam er zum Schluss, dass die Wissenschaft herausgefunden hat, dass wir als Menschen nicht mehr lange zu leben haben, wenn das mit dem Klimawandel so weitergeht. Herr Meier hat sich ebenfalls mit dem Klimawandel befasst, kommt aber zu ganz anderen Ergebnissen. Die beiden treffen sich zufällig, ein Gespräch beginnt, das zum Schluss mit der Entzweiung der Beziehung zwischen Herrn Meier und Herrn Müller endet.

Das Problem an der Unterhaltung, die über eine Diskussion bis hin zum grundlegenden Entfremden führte, war eine Schwierigkeit, mit der weder Herr Müller noch Herr Meier umgehen konnten: die Wissenschaft, oder besser: die Wissenschaft. In dem Moment, als Herr Müller sagte, er habe seine Erkenntnisse mit der Wissenschaft abgeglichen oder sie durch sie gewonnen, war die weitere Diskussion zäh und unergiebig. Immer wieder tanzten beide Gesprächsteilnehmer zwar um wichtige und spannende Fragen, die scheinbar nicht aufzulösen waren, aber doch zu weiterführenden Aspekten führten. Herr Müller aber ging immer nur bis zu einem gewissen Punkt mit, dann brach er ab und betonte, dass die Wissenschaft nun einmal zu anderen Ergebnissen gekommen sei. Einwände wie die, dass es doch die Wissenschaft gar nicht gebe und sie ohnehin in erster Linie von der These, vom Gegenbeweis, der Widerlegung, dem Irrtum und der Weiterentwicklung lebe, führten ins Nichts. Herr Müller hatte sich festgelegt, und er war weder in der Lage noch bereit, sich von dieser Festlegung zu lösen. Kein Wunder, sie ist für ihn sehr bequem, er muss sich nicht weiter damit beschäftigen, schließlich sind alle offenen Fragen geklärt. Zumindest glaubt Herr Müller das.

Wenn wir zum Thema Stress, Angst und Krieg zurückkehren, ist das Verhalten von Herrn Müller durchaus nachvollziehbar. Der allgemeine Druck, den Herr Müller wie wir alle erleben, erfordert Gegenmaßnahmen, und in seinem Fall ist diese Gegenmaßnahme die absolute Akzeptanz der bereits anerkannten Erzählung und die Weigerung, neue Denkrichtungen einzuschlagen. Herr Müller steht, wie Herr Meier auch, unter erheblichem Druck, und er geht damit um, indem er sich auf das Mindeste reduziert. Mit der Begründung, die Wissenschaft habe alle den Klimawandel betreffenden Fragen schon geklärt, lässt es sich ein wenig entspannter leben. Nur ein wenig, aber man nimmt inzwischen, was man bekommen kann.

Die Themen sind austauschbar, Klima, Viren, Kriege, sie alle dienen dazu, Angst zu erzeugen und zu erhalten, während – bedingt durch den dauerhaften Stress – die Menschen die Fähigkeit verlieren, in komplexen Mustern zu denken und Zusammenhänge zu erfassen. Es bleibt ein Minimum an Informationen, die die Menschen noch aufnehmen können.

Leben im Krieg

Man muss nicht im Schützengraben liegen oder in einem Panzer sitzen, um die Schrecken des Krieges erleben und erfühlen zu können. Sogar die häufige Beschäftigung mit Kriegen kann weitreichende psychologische Auswirkungen haben. In Deutschland befinden wir uns in einer Situation, die ausgerechnet der rhetorisch eher minderbegabte Friedrich Merz (CDU) treffend bezeichnet hat, als er sagte, wir befänden uns zwar nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.

Vermutlich unfreiwillig hat er damit zugegeben, was wir politisch erleben: Die Bevölkerung wird in einen dauerhaften Stresszustand versetzt, der aufrechterhalten und verstärkt wird, indem ein bevorstehender Krieg (mit Russland) angekündigt wird. Das Spiel der Balance zwischen akuter Angst und kurzfristig entspannender Beruhigung beherrscht die politische Bühne in Berlin auf höchstem Niveau.

Krieg, auch wenn er nicht auf dem Schlachtfeld stattfindet, erzeugt unter anderem:

  • ständige Schreckhaftigkeit und Ängstlichkeit
  • Panikattacken
  • Unsicherheit
  • Hoffnungslosigkeit
  • Schlaflosigkeit
  • Reizbarkeit
  • unterschiedliche körperliche Beschwerden
  • Suizidgedanken

Wir kennen diese Symptome nur allzu gut aus der Corona-Zeit, aber wenn wir ehrlich sind, begleiten sie uns schon seit Jahren durch den Alltag, und in jedem Jahr wird es ein wenig schlimmer. Damit umzugehen, ist eine Herausforderung, der nicht jeder Mensch gewachsen ist, und so kann es kaum verwundern, dass die allgemeine Stimmung in der Gesellschaft geprägt ist durch scheinbar widersprüchliche Gedanken und Gefühle. Zuweilen hat man fast das Gefühl, die Gesellschaft befinde sich in einem Zustand der manischen Depression. Der Weg heraus aus solchen Zuständen ist meist schwierig und ohne therapeutische Hilfe kaum möglich. Womit sich der Kreis schließt, denn genau diese Hilfe wird immer öfter nicht geleistet bzw. gleich verweigert (Stichwort: Gesundheitsreform).

Auf Hilfe durch die Politik braucht man nicht zu hoffen, also muss man versuchen, andere Wege aus der Falle zu finden. Da dieser Artikel kein Therapieersatz sein soll und will, sollen Wege aus der Krise hier nur angedeutet werden, aber ganz sicher sind alle gut beraten, wenn sie mit aller Kraft versuchen, den Krieg, der in den politischen Betonköpfen fest verankert ist, keinen Weg in das eigene Herz finden zu lassen.

Das ist nicht nur eine emotionale Aufgabe, sondern auch eine intellektuelle, beides gehört untrennbar zusammen. Und sie ist nicht leicht zu lösen, denn bevor man in eine emotionale Lage kommt, die den Krieg aus dem Kopf und den Herzen befreit, muss man sich der Mechanismen bewusst werden. Und die kreisen in erster Linie um die verkürzten Erzählungen, um das Reduzieren von Sachverhalten auf simple Antworten, die fast immer einhergehen mit drastischen Maßnahmen, die die Situation für die Menschen eher verschlimmern als entschärfen.

Es ist eigentlich wie der klassische Vorwurf, der dem politischen Gegner gemacht wird, nämlich einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu geben. Genau dieses Prinzip erleben wir von den politischen Verantwortlichen. Sie geben kurze und einfache Antworten auf komplizierte Fragen, die letztlich aber der Sache nicht gerecht werden und in eine destruktive Richtung führen. Zudem – und das ist mitentscheidend – klammern diese einfachen Antworten komplexe Fragestellungen, geopolitische Fragen, demografische und wirtschaftliche, soziologische und ökologische, militärische und diplomatische Aspekte meist komplett aus. So entstehen Antworten, die nicht mehr sind als weiße Blätter, auf denen politische Akteure ein paar Striche gekritzelt haben.

Wir müssen uns also einlassen auf die „Baustellen“, die uns vorgegeben werden, und wir müssen versuchen, die Motivation der politisch Verantwortlichen zu entlarven. Dazu müssen wir besser informiert sein als die Entscheidungsträger. Und wir dürfen uns nicht auf den moralisierenden Totalitarismus einlassen, er zersetzt das Denken, schränkt den weiten Blick ein und bietet Lösungen, die zu unserem Nachteil sind.

Eine gute Nachricht gibt es aber auch: Besser informiert zu sein als die politischen Entscheidungsträger, das ist nicht sehr schwer. Sie haben nur noch ihre Moral, intellektuell sind sie seit Jahrzehnten im Sinkflug, und der ist längst noch nicht beendet.

Fliegen wir in die entgegengesetzte Richtung.

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Tom J. Wellbrock
Tom J. Wellbrockhttps://neulandrebellen.de/
Tom J. Wellbrock ist Journalist, Autor, Sprecher, Radiomoderator und Podcaster. Er führte unter anderem für den »wohlstandsneurotiker«, dem Podcast der neulandrebellen, Interviews mit Daniele Ganser, Lisa Fitz, Ulrike Guérot, Gunnar Kaiser, Dirk Pohlmann, Jens Berger, Christoph Sieber, Norbert Häring, Norbert Blüm, Paul Schreyer, Alexander Unzicker und vielen anderen. Zusätzlich veröffentlicht er Texte auf verschiedenen Plattformen und ist für unsere Podcasts der »Technik-Nerd«.

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Wütender Bürger
Wütender Bürger
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9 Sekunden vor

Wie wahr, wie wahr. Aber hier

…unzähligen Kriegen auf der anderen Seite (die man als den Umweltkiller schlechthin bezeichnen kann)…

irrst Du Dich. Krieg IST der größte Umweltkiller, den man sich vorstellen kann, egal ob konventionell oder nuklear.

Wobei letztere Option noch den „Vorteil“ hätte, dass dieser Planet gründlich von Menschen befreit würde und Spezies, denen Strahlung nichts ausmacht, eine Chance bekämen, eine bessere Gesellschaft aufzubauen.

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