Auf der Suche nach der professionellen Distanz

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Als politischer Journalist ist eine der großen Herausforderungen, auf professioneller Distanz zum Geschehen zu bleiben. Dieser Drahtseilakt wird für mich gerade zu einem Kampf mit mir selbst.

Als Corona in die Hochphase der Entrechtung der Bürger ging, war ich emotional, aber doch auch professionell. Zumindest bilde ich mir das ein, und zumindest war das mein Anspruch. In konkreten Situationen des Alltags habe ich mich gewehrt, ging auf Demos, habe mich mit Polizisten angelegt und mich aus einem Baumarkt werfen lassen, weil ich mich geweigert habe, eine Maske zu tragen. Aber ich habe auch Analysen aufgeschrieben, die sich mit deutlich weniger Emotionen mit dem Thema beschäftigt haben.

Es war eine sehr emotionale Zeit für uns alle, aber sie war erst der Beginn von etwas Größerem, das uns alle noch viel stärker belasten sollte und soll. Denn seit 2020 kommen die Einschläge näher, um es mal so zynisch zu formulieren. Eine Krise jagt die Nächste, jede Woche werden neue „Säue durchs Dorf getrieben“, die meist eine Variation des Feindbildes aus der Vorwoche sind.

Zeit zum Verschnaufen oder Durchatmen wird uns nicht gelassen. Das ist auch nicht geplant, denn ein Blick auf die Politik verrät schnell, wo diese ihre Aufgabenstellung sieht: sie durchtränkt uns mit Angst vor Feinden, Naturereignissen, Klimaveränderungen und der Energieversorgung.

Bislang konnte ich mit diesem Wahnsinn umgehen. Dank meiner professionellen Distanz gelang es mir immer wieder, die Gefahren, das Tragische, Traurige, Gefährliche nicht so nah an mich heranzulassen, dass das Leben und die Arbeit allzu sehr darunter litten. Aber jetzt muss ich sie suchen, neu entdecken, diese Distanz. Sie ist mir teilweise abhandengekommen.

Ganz sicher bin ich nicht, aber ich glaube, es war der Zeitpunkt, an dem die USA zusammen mit Israel ihren Krieg gegen den Iran begannen. Das Gefühl ist also noch recht frisch. Neben den geopolitischen Fragen beschäftigen mich in erster Linie die Schicksale der Menschen im Iran. Im gleichen Atemzug aber natürlich auch die im Gazastreifen und überall auf der Welt, wo Menschen unter den Folgen von Kriegen leiden. Die Geopolitik rückt bei mir gerade in den Hintergrund, ins Rampenlicht sind nun Bilder von blutenden Menschen, traumatisierten Kindern, verzweifelten Frauen gerückt.

Das ist auch deshalb so schwer zu ertragen, weil ich die Bilder von scheinbar glücklichen Menschen sehe, Schlagzeilen lese, die die Freude über den versuchten Regime Change im Iran ebenso feiern wie die Ermordung des Staatsoberhauptes. Menschen im Westen, wohlgemerkt. Ich kann kaum fassen, dass Politiker wie Friedrich Merz allen Ernstes den Iran auffordern, mit seinen Gegenschlägen aufzuhören. Also sind es nicht die Angriffe der USA und Israels, die verdammt und verurteilt werden, sondern die Tatsache, dass der Iran sich dagegen wehrt.

Ich höre eine Frau namens Dunja Hayali darüber sprechen, Iran sei ein „völkerrechtswidriges System“ und frage mich, was mit dieser Frau nicht stimmt, abgesehen von offenbar nur rudimentär ausgeprägter Bildung. Und dann denke ich darüber nach, ob Donald Trump jemals in seinem Leben ein Buch gelesen hat und merke: das sind keine Gedanken eines Journalisten, der professionell distanziert an die Sache herangeht.

Das Wissen ist da, da lehne ich mich selbstbewusst weit aus dem Fenster. Meine Politisierung begann vor nunmehr rund 45 Jahren, in der Zeit seitdem habe ich viel gelesen, bin gereist, habe mich mit den unterschiedlichsten Menschen unterhalten, gestritten, diskutiert. Ich bin kein wandelndes Lexikon wie zum Beispiel Dirk Pohlmann, aber ich denke, mit ausreichend Wissen ausgestattet zu sein (es mir angeeignet zu haben), dass ich mir ein paar ganz gelungene Analysen leisten kann.

Aber im Moment analysiere ich weniger als ich feststelle, wie wertlos all die Analysen doch sind, wenn die politischen Führer einiger Länder mit aller Macht und Destruktivität alles zu vernichten drohen, was ein gutes oder auch nur einigermaßen zufriedenes Leben ausmacht.

Was bringen mir die Erklärungen und Analysen, wenn die Welt sich doch weiterhin lodernd auf den Abgrund zubewegt? Welchem Kind, das gerade seine Familie verloren hat, hilft es, wenn ich die richtigen Schlüsse aus den politischen Beobachtungen ziehe?

Seit der aktuelle Ukraine-Krieg ausgebrochen ist, werde ich nicht müde, darauf hinzuweisen, es zu kritisieren, dass die Berichterstattung in deutschen Medien und die Einschätzung von politischen Köpfen des Westens immer darauf hinauslaufen, menschliche Einzelschicksale in den Vordergrund zu stellen. Bei allem Verständnis für Einzelschicksale, so meine Argumentation, kann man Kriege nicht beenden, indem man auf die schrecklichen Beispiele geschundener Menschen hinweist. Das sind einfach zwei unterschiedliche „Baustellen“, die auch als solche eingeordnet werden sollten.

Ich stehe zu meiner Kritik, denn Diplomatie und Geopolitik funktionieren so nicht. Kriege werden nicht beendet, indem man dem Gegner immer wieder die Bilder seiner Taten zeigt. Kriege werden beendet, wenn sich kluge Köpfe zusammensetzen und in mühsamer Kleinstarbeit nach Lösungen, Kompromissen suchen, um den Konflikt aufzulösen. Das ständige Zeigen der Opfer des Krieges bewirkt in der Politik überhaupt nichts, weil die Gegenseite dann ebenso verfährt.

Wenn die Ronzheimers und Eigendorfs dieser Welt immer wieder darauf pochen, (unbewiesene) Kinderentführungen ins Spiel zu bringen, dann tun sie das nicht, um einen Krieg zu beenden, sondern um ihn zu verlängern. Aber sie analysieren eben auch nicht, sie emotionalisieren.

An diesem Punkt bin ich auch, wenngleich auf andere Art und Weise. Meine Analysefähigkeiten sind nicht verschwunden, aber sie sind in den Hintergrund gerückt, wurden von den Vorstellungen an die Gesichter von Menschen verdrängt, denen der Krieg alles genommen hat. Nein, nicht der Krieg, sondern die Figuren, die ihn führen, haben das getan. Wenn ich an diese leidenden Menschen denke, frage ich mich, mit wem wir es zu tun haben. Was sind das für Leute, die aufgrund egoistischer Interessen auf das Leben von Millionen Menschen pfeifen?

Ich komme zu keiner Antwort. Gedankenblitze durchzucken mich, ich denke an Geopolitik, die neue Weltordnung, an die NATO, BRICS, an Gas und Öl, an Seltene Erden, Regime Changes, Landgrabbing und einige andere Dinge mehr. Analytisch alles in Ordnung, und doch unbefriedigend. Denn das Waisenkind, das vor wenigen Tagen noch keines war, wird mit diesen Begriffen wenig anfangen können, und selbst wenn, es würde die eigene Lebensqualität um keinen Deut verbessern.

Stattdessen wird das Waisenkind vielleicht später ein von Rache geleiteter Mensch sein, der es denen zurückzahlen will, die seine Familie ausgelöscht haben. Vielleicht wird es auch einfach einsam sterben, verhungern oder an Krankheiten zugrunde gehen, die zu heilen möglich gewesen wäre, wäre da nicht dieser schreckliche Krieg gewesen, geführt von Menschen, die nicht mehr menschlich sind und auch nicht so handeln.

Diese Dinge treiben mich um derzeit. Sicher werde ich zurückfinden zu meiner Fähigkeit der Analyse, sie ist ja nicht weg, nur gestört durch das Schlimme dieser Welt. Aber es ist eine schmerzhafte Störung, wenn auch im Vergleich zu Millionen anderer Menschen leicht zu ertragen.

Es wird eine bessere Zeit kommen, mit besseren politischen Führern, die wissen, wo ihre Aufgabe liegt, in der Verbesserung der Lebensumstände der Menschen, die sie regieren. Davon gibt es im Moment zu wenige, viel zu wenige. Im besten Fall überlebe ich diese unfähigen und egoistischen Leute, die sich nicht für uns interessieren.

Und wenn es mir nicht mehr vergönnt sein sollte, weil es noch zu lange dauern wird, dann wünsche ich allen nachfolgenden Generationen, dass sie es mit besserem Personal zu tun haben werden.

Viel schlimmer kann es ja nicht mehr werden.

 

 

 

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Tom J. Wellbrock
Tom J. Wellbrockhttps://neulandrebellen.de/
Tom J. Wellbrock ist Journalist, Autor, Sprecher, Radiomoderator und Podcaster. Er führte unter anderem für den »wohlstandsneurotiker«, dem Podcast der neulandrebellen, Interviews mit Daniele Ganser, Lisa Fitz, Ulrike Guérot, Gunnar Kaiser, Dirk Pohlmann, Jens Berger, Christoph Sieber, Norbert Häring, Norbert Blüm, Paul Schreyer, Alexander Unzicker und vielen anderen. Zusätzlich veröffentlicht er Texte auf verschiedenen Plattformen und ist für unsere Podcasts der »Technik-Nerd«.
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