Unser Elternteil 2 aller Probleme

Bei politisch korrekten Sprachregelungen mag wohl eine gute Absicht die Mutter des Gedankens seins. Entschuldigung … Elternteil 2 des Gedankens. Oder doch Elter 1? Wenn das Lebensfremde unser aller Leben lähmt … Die Sozialdemokratie ist gerade dabei, sich endgültig abzuschaffen. Nur eine unbeugsame Sozialgallierin hört nicht auf, dem Unausweichlichen Widerstand zu leisten: Nämlich die Familienministerin Franziska Giffey. Sie rettet die SPD. Und setzt Schwerpunkte. Wichtige Themen, die unser aller Leben verändern werden. Es geht um Mutter und Vater. Besser gesagt darum, dass es Mutter und Vater nicht mehr geben soll. Jedenfalls nicht im Verwaltungsakt und in der Amtsstubensprache.
Bürgernähe ist die Mutter der Porzellankiste
Das soll nicht geschehen, weil der Amtsschimmel mal wieder unverständlich wiehert. So war das früher mal, da unterstellte man deutschen Behörden ja oft und gerne, dass sie lebensfremd seien. Millionen von Verordnungen, Regelwerken und Vereinbarungen legen beredt Zeugnis davon ab. Wobei das darin Getippte oft gar nicht besonders beredt, sondern mehr so Kauderwelsch war und ist. Jetzt aber die Kehrtwende: Deutsche Behörden, Schulen, Einrichtungen sollen lebensnah sein, weswegen sie Mutter und Vater nicht mehr in Anschreiben und im persönlichen Umgang mit Betroffenen verwenden sollen. Elternteil 1 und Elternteil 2 sollen sie heißen. Wenn es nach dem Ministerium geht, sollte man es von nun ab geschlechtsneutral halten. So weit will es eine Empfehlung des ministeriellen »Regenbogenportal«. Richtig verstanden, das ist nicht weltabgewandt und bürokratisch gemeint, sondern ganz und gar lebensnah. Denn man müsse die Realitäten sehen, Mutter und Vater gibt es oft gar nicht mehr. Manchmal sind es nur Mütter, hin und wieder nur Väter. Manche haben keine Mutter, aber einen Vater. Bei anderen läuft es umgedreht. Außerdem fühlt sich mancher Vater wie eine Mutter und einige Mütter möchten lieber die nach traditionellem Rollenbild väterlichen Werte ins Familienleben tragen.
Soziolekt gegen alle Eventualitäten
Dass man da die alten Begriffe aufgibt und eine Empfehlung den Werktätigen, die mit Elternteilen zu tun haben, an die Hand gibt: Das ist gelebte Bürgernähe, die man ins öffentliche Leben transformiert. Und gerade an der Bürgernähe mangelt es der SPD ja seit Jahren. Sagen jedenfalls ihre Kritiker und all jene, die sie nicht mehr wählen. Amtsdeutsch war ja nie eloquent. Schlicht deshalb, weil sich dieser Soziolekt gegen alle Eventualitäten und Kniffe absichern muss. Wenn man jetzt noch dazu übergeht, das Amtsdeutsche in eine moralisch einwandfreie Form zu transkribieren, sie gegen Triggerreize absichern und auf private Befindlichkeiten zu avisieren, dann reitet es sich in eine letztmögliche Umverständlichkeit hinein. Zumal dann, wenn die Grundlage der angeblichen Lebensnähe nur eine intellektuelle ist, die das Alltagsleben von Familien in Deutschland kaum tangiert. Das Familienleben mag viele Probleme mit sich bringen. Organisatorische wie finanzielle. Das fängt beim Kindergartenplatz an und hört bei den teuren Mieten auf. Jene Familien, deren größtes Problem ist, wie sie von der Kindergartentante oder der Lehrerin angesprochen werden sollten, mag es freilich geben – aber exemplarisch sind diese Leute nicht. Nein, solche Menschen pflegen eher Luxus- und First-World-Problemchen.
Kuschellinguistik: Erster Erster und zweiter Erster
Für diese Menschen entwirft man eine Kuschellinguistik, wie wir sie aus dem Walldorf-Kindergarten kennen, aus einer überfürsorglichen Pädagogik, die die Kinder auf das Leben in der Gesellschaft nicht so richtig realistisch vorbereitet. In der Theorie ist das ja eine nette Geste, wenn in einem Spiel zwischen zwei Kindern oder später Jugendlichen vom ersten und vom zweiten Sieger gesprochen wird. Aber einen zweiten Ersten gibt es nun mal nicht. Im realen Leben gibt es Sieger und Verlierer. Das zu kapieren gehört zur Realität. Keiner gewinnt, keiner verliert immer. Jeder von uns muss aber mit Niederlagen umgehen. Wenn jemand zweiter Gewinner ist, hat er nun mal gegen den ersten Gewinner verloren. Bei Mutti und Vati ist das nicht so viel anders. Nein, da geht es nicht ums Siegen oder Verlieren. Aber darum, dass es nun mal traditionell gegebene Begriffe für die zwei Größen im Leben eines Kindes gibt. Dummerweise bleibt natürlich die Frage offen, wie die Freunde einer zukünftigen moralisch einwandfreien Sprache das Dilemma lösen möchten, wer denn nun Elter 1 und wer Elter 2 sein darf. War zuerst die Empfängnis der Mutter oder der väterliche Samen? Das kann zum nächsten Streit führen und die Lösung ist klar: Elternteil 1 und Elternteil 1 mit Stern müssen da schon sein. Schon alleine um zu wissen, was sich da als häusliche Gewalt abspielt, wenn der Spross die Polizei anruft, weil sich 1 und 2 kloppen. Es ist zu befürchten, dass dieser seltsame identitätspolitische Gendereifer unser Elternteil 2 aller Probleme ist. Oder unsere 1. Gibt es eigentlich ein drittes Elterngeschlecht? Vielleicht gibt es ja auch so viele Eltern wie es Menschen gibt. Wichtiges Thema …

Geht wählen! Argumente gegen Nichtwähler

137
Ein Gastbeitrag von Jörg Gastmann „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ (Winston Churchill)

Endlich Normalität!

Endlich Licht am Ende des Tunnels! Noch fünf Monate, dann ist es ausgestanden. Im März 2022 haben wir wahrscheinlich unseren Freedom Day. Wie? Glauben Sie nicht? Kann ich verstehen. Ich eigentlich auch nicht. Aber ich rede es mir trotzdem ein. Warum? Weil ich auch nur ein Mensch bin und Hoffnung brauche. Neulich habe ich ein bisschen zuversichtlich was zum 20. März 2022 getwittert. Natürlich berichtigte man mich schnell: Ich soll mir da keine Hoffnungen machen. Es kommt eh nicht dazu, Deutschland wird nie einen Freedom Day bekommen. Das traf mich hart. Nein, nicht weil ich fest an jenen Märztag glaubte. Natürlich nicht. Wenn ich länger darüber nachdachte, war mir schon klar, dass die Vorfreude auf den 20. März des kommenden Jahres wohl enttäuscht werden würde. Trotzdem tippte ich eine kleine Botschaft der Zuversicht in die Welt hinaus, setzte einen Tweet meiner Hoffnung ab. Mensch, ich bin doch auch nur ein Mensch!
Je törichter dein Hoffen, um so fester
Man sehe mir das nach, ich brauche auch manchmal Zuversicht. Ich weiß, meine Texte sind nicht immer geeignet, die Stimmung der Leserschaft zu heben. Mein Blick auf die Zukunft ist recht düster, ich stelle sie mir dunkel vor, in grauen Farben, ein bisschen wie im »Blade Runner«. Meist sehe ich mich durch dunkle Straßenschluchten wandern, durch einen Moloch aus Chaos und Gleichgültigkeit. Da beneide ich übrigens unsere Altvorderen, wenn man in den Fünfzigern heranwuchs, malte man sich – ganz gleich ob im Westen oder im Kommunismus – die Zukunft bunt aus, als riesige Chance, als Verbesserung dessen, was sich Gegenwart nannte. Wir Zeitgenossen können das kaum noch, Technologie hat sich als zweischneidige Angelegenheit erwiesen. Sie wirkt bedrohlich und kalt. Es fühlt sich außerdem an, als würden wir die Kontrolle verlieren – und ich bin geneigt zu glauben, dass wir es tatsächlich tun. Ich nehme dieses Blick auf das, was noch kommt, wie ein Mann hin. Da mache ich mir nichts vor, will ich nichts schönen. Ich würde mich gerne täuschen, davon überzeugt werden, dass alles gut wird. Aber so richtig gut, ich glaube, das wird es nie. Trotzdem brauche ich dann und wann natürlich auch mal ein bisschen Licht, ein wenig Zeit an einem Fensterplatz. Kein Mensch kann dauernd mit der Dunkelheit hocken. Ich weiß in jenen Momenten ja auch, je törichter mein Hoffen, um so fester – der Spruch stammt von Marie von Ebner-Eschenbach und rückt diesen menschlichen Affekt der Hoffnung in eine für mich nachvollziehbare Relation. Manchmal tut es einfach gut, wenn man auf dem Sofa hockt und sich einredet, dass es da etwas am Horizont gibt. Niemand kann dauernd grüblerisch in die Ferne schweifen. Es braucht hin und wieder einen Fixpunkt. Für Kant halfen drei Dinge die Mühseligkeit des Lebens zu ertragen: Der Schlaf und das Lachen – beides klappt bei mir noch gut – und eben die Hoffnung. Und die muss ich mir gelegentlich gönnen. Ja, manchmal muss ich mich dazu zwingen, mir geradezu etwas Hoffnungsvolles einreden, um meinem Innenleben ein klein bisschen Ruhe und Ausgeglichenheit zu gönnen. Es gehört zu meiner Strategie, mir etwas Resilienz zu erarbeiten. Ist mein Ausklinken aus dem Wahnsinn, der uns umgibt. Ich will dabei gar nicht ganz genau wissen, was zum Beispiel am 20. März 2022 läuft – ich will mir nur für einige Augenblicke, einige Stunden einreden, dass da bald mal alles ein wenig besser wird als jetzt.
Das Scheitern von fast allem
Wie gesagt, man verzeihe mir, dass ich da in die Niederungen des Menschlichen hinabsteigen muss. Aber die menschliche Kreatur neigt eben dazu, sich immer wieder in Hoffnungen zu ergehen. Auch dann, wenn sie als Chronist wirkt und eigentlich frei von persönlichen Befindlichkeiten berichten und einschätzen soll. Zumal in Zeiten wie diesen, in denen wir dabei zusehen mussten, wie fast alles, was uns einst umgab, womit wir wenigstens halbwegs ein wenig Sicherheit verbanden, gescheitert und teilweise quasi abgeschafft ist. Wo man auch hinguckt: Scheitern, scheitern und scheitern. Die Politik hat nichts auf die Reihe gebracht, die Zivilgesellschaft zelebriert das eigene Scheitern nachdrücklich und für jeden gut sichtbar im Alltag. Die Justiz: Eingeknickt und beim Dinner im Kanzleramt zu Tisch liegend. Letzteres mag kulinarisch ein tolles Event gewesen sein: Aber gelungen im Sinne der Gewaltenteilung war das sicher nicht. Auch die Gerichtsbarkeit ist gescheitert. Und der Journalismus – was soll ich da noch schreiben, was noch anbringen? Er ist so dermaßen am Ende, derartig lost, wie das im hochdeutschen Englisch mittlerweile heißt, dass es einem die OP-Maske aufrollt. In so einem Klima, sorry dass ich mich wiederhole, aber da sehnt man sich nach einem Lichtblick, einen Silberstreifen. Und man ist halt geneigt, irgendwas für einen kurzen Moment glauben zu wollen. Nicht aus Überzeugung, nein, weil man es muss, will man nicht mental völlig in die Binsen gehen, will man nicht morgen in ein gummiertes Zimmerchen einchecken. Wenn ich mir jetzt natürlich ansehe, wie schon wieder die Panik ausbricht, die Zahlen der positiv auf Fragmente des Coronavirus getesteten Personen zum einem Menetekel heraufbeschworen werden, dann ist mir schon klar, dass es diesen hoffnungsvollen Tag irgendwann im März des kommenden Jahres nicht geben wird. Aber egal, einen Moment will ich noch daran glauben. Selbst wenn die Koalitionäre den Tag schon jetzt wieder aus ihrer Planung nehmen, selbst wenn sie sagen, es wird doch noch bis 2024 dauern: Ich halte mich noch einen Augenblick daran fest. Verzeiht mir, ich bin ein Mensch, ich brauche festen Untergrund, etwas woran ich mich orientieren kann. Und sei es nur ein fiktives Datum, ein eingeredeter Fixpunkt im nächsten Frühjahr. Gebt mir noch fünf Minuten, um mich von dieser Hoffnung verabschieden zu können. Nur fünf Minuten …

Die psychiatrische Notlage

Ich gebe zu, ich habe eine ganze Zeit gewankt: Soll ich? Soll ich nicht? Letztlich habe ich mich dagegen entschieden. Ich bleibe ungeimpft. Ich habe Bedenken – und ja, ich bin auch zu einem guten Teil trotzig. Aber das ist der kleinere Teil. Alles, was man jetzt noch tut, um mich zu bedrängen, dient nur einer Sache: Mich psychisch zu zerrütten. Seit Tagen lese ich keine Zeitung mehr. Nun gut, richtig Zeitung habe ich eh nie gelesen, aber was ich meine ist: Bis neulich, als ich morgens aufwachte, brühte ich mir eine Tasse Kaffee auf und ging online- Um zu gucken, wie sich die Welt während meiner schlafenden Abwesenheit gemacht hat. Und natürlich gehörte es zum Frühsport der letzten Monate, zu schauen, wie viele Neuinfektionen es gibt. Das tue ich seit Tagen, vermutlich aber Wochen schon nicht mehr. Ich weiß, sie müssen hoch sein. Aber genaue Zahlen? Für was denn? Der Indikator galt doch noch vor ein, zwei Monaten als veraltet. Es schielen trotzdem alle darauf. Nur ich nicht mehr. Ich meide überhaupt Meldungen zur Pandemie, nachdem ich aufgewacht bin. Warum? Weil die mich seit Wochen an den Rand meiner Belastungsgrenze bringen. Es gab keinen Tag, als ich noch darauf schielte, wo nicht irgendeine Meldung lanciert wurde, die es den Ungeimpften jetzt so richtig an den Kragen gehen lassen wollte. Kein Einkauf mehr, Lockdown hier, Kontaktbeschränkungen – oder Kontaktuntersagung, wie Robert Habeck neulich sogar sagte – und ÖPNV-Impfstatusabfrage dort. Im Laufe des Tages bekomme ich natürlich trotzdem mit, wie sich diese Republik entwickelt. Die Meldungen treffen mich immer wieder. Oft hänge ich meinen Gedanken nach und spüre, wie ich existenzielle Ängste in den Griff bekommen muss. Es gelingt mir nicht immer. Ich fühle mich degradiert, meines Menschseins beraubt. Bin nicht mehr derselbe, der ich war, als diese Krise begann. Ich bin fragiler geworden, verletzlicher. Auch gleichgültiger, arroganter auch: Nennen wir es Schutzpanzer.
Ja, ist denn meine psychische Gesundheit keine Gesundheit?
Was soll diese ganze Kampagne, die mir Tag für Tag klarmacht, dass ich ein Spinner bin, ein Gefährder, ein Egoist und Dummkopf? Die Sache ist doch die: Es ist November, ich bin nicht geimpft. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Meine Entscheidung. Sie kann falsch sein: Ich bin demütig genug, dass zuzugeben. Sie kann aber auch nicht falsch sein. Dieses Dilemma hat man bei allem, was man im Leben so tut. So eben auch hier. Man sollte wissen, dass ich schon immer ein bisschen phlegmatisch gewesen bin, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen. Ich wäge ab, brauche Anlauf, viel Zeit. Übers Knie breche ich nur Baguette beim Picknick, aber keine Entscheidungen von weitreichender Güte. Ich bin da so wie das Bundesverfassungsgericht – ja, wie jedes Gericht in diesem Lande: Ich nehme mir alle Zeit der Welt. Und dann treffe ich eine Entscheidung. Und die habe ich, wie gesagt, seit geraumer Zeit getroffen. Interessiert nur keinen. Und wenn sich jemand für meine Entscheidung interessiert, dann nur um mir zu sagen, dass ich falsch liege und eine andere Entscheidung treffen müsste. Man unterstützt mich dabei, indem man mir das Alltagsleben fast unmöglich macht, mich ausschließt. Jeden Tag neuerlich mitteilt, was für ein schlechter Mensch ich sei, was für ein Ausbund an Niedertracht. Leute wie mich, kann man traktieren, aussperren, an den Pranger stellen – ohne Probleme. Diskriminierung sei das keine. Auch wenn es sich für mich so anfühlt nicht. Ich gebe zu, das nimmt mich psychisch mit. Nein, ich werde euch nicht all die Symptome aufführen, die mittlerweile bei mir auftreten. Es sind durchaus viele, die physischen Symptome verstärken sich. Bin müde, abgeschlagen, habe weniger Antrieb. Was mir besonders zusetzt, ist ja nicht nur der Umstand, dass diese Ausgrenzung und Stigmatisierung stattfindet: Sie gründet ja auf völlig falschen Prämissen. Wenn sich da draußen einer ansteckt, dann eher an jemanden, der geimpft ist und sich daher als kraftstrotzend und unverletzlich fühlt und das Virus dann in alle Welt hinausträgt. Bei einer 2G-Veranstaltung zum Beispiel, bei der ich gar nicht dabei sein kann – und will. In einem 3G-Modell bin ich wohl noch derjenige, der am ehesten sicher für andere ist. Anstecken werde ich mich dann aber bei einem Geimpften, der mir erzählt, er habe sich impfen lassen, um andere zu schützen. Ist meine psychische Gesundheit, die mir jetzt fast täglich ein Stück mehr ruiniert wird, gar keine Gesundheit mehr, die es zu schützen gilt? Ich bin ja nur einer von vielen Menschen in diesem Land, die psychisch ruiniert werden. Und nicht alle sind ungeimpft, auch geimpfte Menschen leiden unter der Situation. Wann rufen wir die psychiatrische Notlage aus?
Der kleinbürgerliche Ungeist der Zerstörung
Es sprechen mehrere Studienansätze dafür, dass das Modell des ausgegrenzten Ungeimpften auf völlig falschen Annahmen und Prämissen beruht. Selbst Drosten stellt das im Grunde klar, wenn er darlegt, dass es diese Pandemie der Ungeimpften so nicht gibt und die Impfung wohl doch nicht die Pandemie beenden wird. Dennoch wird es durchexerziert, mit immer drastischeren Mitteln wird das Narrativ des Gefährders forciert. Mit jedem Tag kommt eine neue Hiobsbotschaft für Menschen ohne Impf-Abo auf den Tisch. Man guckt zu, hört was von evidenzbasierter Faktenlage und wundert sich, wie schroff man an eben diesen Evidenzen vorbeimarschieren kann, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Der Geist der Zerstörung ist mächtiger als die Gabe, das gängige Narrativ zu überdenken. Das Planziel steht, Fakten stören da nur. Zerstörung macht Spaß. Irgendwie hat das Szenario was von kleinbürgerlichen Schrebergartengehabe. Man schleicht sich auf die Nachbarparzelle und wirft den Gartenzwerg um, tritt nach, damit der Gnom in Scherben liegt und freut sich, seiner destruktiven Natur freien Lauf gelassen zu haben. Der Kleinbürger hat sein Areal nur erweitert, er reduziert seine Zerstörungswut nicht mehr auf einige Quadratmeter Rasen und Blumenbeete, er will expandieren, will ganze Bevölkerungsgruppen zertrümmern, seine Affekte an ihnen austoben. Nicht umsonst hat mancher Historiker die Herrschaft der Nationalsozialisten als eine Regime des kleinbürgerlichen Geistes betrachtet. Als eine Tyrannei der Kleinbürgermoral und jenem selbstgerechten Zorn, der in diesem Milieu zuweilen vorherrscht. Klar, ich weiß, die Gutmütigen unter den Lesern werden jetzt wieder unken und sagen: Nationalsozialismus? Was hat das mit heute zu tun? Damals, das waren Verbrechen. Heute ist es doof, klar, aber doch nicht dasselbe. Mag sein. Äpfel? Birnen? Beide Früchte schmecken anders. Aber wenn man sie nimmt und jemanden an den Kopf wirft, tut das mit beiden Obstsorten weh. Und dafür sind Vergleiche ja da: Sie sollen wehtun, sollen vor den Kopf stoßen. Vielleicht werde ich demnächst dieses Thema nochmals vertiefen. Diesem Kleinbürgerzorn ausgeliefert zu sein, sich fürchten zu müssen, bald schon in der Tram nach einem Test gefragt zu werden, vielleicht sogar einen dabei zu haben und dann von anderen Fahrgästen angefeindet zu werden: Leute, ich bin ein harter Brocken, ein Buddha des Leck-mich-am-Arsch-Gefühls. Aber was ich momentan erleben, macht mich wackelig, ja schwindelig. Ich fürchte mich. Vor der Bahnfahrt, vor der Arbeit, vor dem Einkauf, vor jedem Gespräch, vor Mitmenschen. Aber ich sage euch, die heute noch zu mir stehen, die liebe ich mehr als je zuvor. Ich werde ihnen nie vergessen, dass sie mich weiterhin als Menschen betrachtet haben, während die Welt mich wie ein Tier jagte.

Wie Linke Rechte stärken

Wenn die Engstirnigen aus der Welt von gestern auflaufen, setzt linker progressiver Geist Kontrapunkte. Was oft richtig ist, kann aber ins Gegenteil verkehren. Wie neulich in Freiburg, als ein Flüchtling, der zum Vergewaltiger und Mörder wurde, laute linke Fürsprache erhielt. Verkaufsstrategisch dumm Als vor etwas mehr als zwei Wochen Hussein K. in Freiburg vor Gericht stand, weil er sich erst an einer jungen Frau vergangen und sie dann getötet hatte, fanden sich vor der Toren des Gerichtsgebäudes einige AfD-Anhänger ein, die den Prozess als bittere Folge der Flüchtlingspolitik anmahnten. Das Häuflein instrumentalisierte das Verbrechen, um es pars pro toto allen Flüchtlingen anzuhängen. Ihnen gegenüber stand eine Gruppe von etwa 50 jungen Leuten, die skandierten: »Flüchtlinge bleiben, Rassisten vertreiben!« Auch sie instrumentalisierten diesen Fall. Sie taten es als Gegenreaktion, als Zeichensetzung gegen die Engstirnigen – jemand muss ihnen ja entgegentreten. Ziemlich klar und nachvollziehbar, was hinter diesem Auftritt vor dem Gericht steckte. Taktisch klug war das allerdings nicht. Ausgerechnet einen Mordprozess als Staffage zu missbrauchen, bei dem ein Asylsuchender straffällig wurde, um anderen Asylsuchenden zuzurufen, sie dürften natürlich bleiben, mag in der profunderen Analyse zwar kein Widerspruch sein, muss allerdings auch »verkaufsstrategisch« überdacht werden. Mit so einem Auftritt nutzt man der Sache der Weltoffenheit nicht. Man bewirkt (mal wieder) das Gegenteil. Mit einem Mörder pro Menschenrechte? Bei den Menschen da draußen kommt bei einem solchen Auftritt doch nur an, dass man da auch einen Flüchtling verteidigt, der ins Land kam und jemanden vergewaltigt und ermordet hat. Man spürt, dass man die Menschenrechte mit jemanden in Verbindung bringt, der zwar selbige für sich in Anspruch nehmen möchte, aber wohl keinerlei Ambitionen hegte, diese Rechte auf seine Mitmenschen zu übertragen. Diese »verkaufsstrategisch« schlechte Positionierung für Menschenrechte und gegen nationale Isolation rückt die Gegendemonstranten in ein halbseidenes Licht, man könnte ihnen auch fehlende Pietät unterstellen, mangelndes Gespür, wann man was wie auf den Tisch bringen sollte. Am Ende profitiert nicht die Aufklärung von diesem Auftritt, sondern die Gegenaufklärung, die an diesem Tage als AfD-Grüppchen vor dem Gericht stand. Denn es sind dann diese ablehnenden, isolationistischen, vor den Problemen unserer Zeit türmenden Brigaden, die von den Menschen zwar nicht als ganz großer geistiger Wurf gesehen werden, wohl aber als etwas vernünftiger als jene, die die Gegenseite vertreten. Dass man jemanden, der als Asylsuchender ins Land kam und derart auffiel, nämlich nicht unbedingt als Opfer stilisieren möchte: Das ist keine AfD-spezifische Masche, das ist nur allzu menschlich und auch nachvollziehbar. Dass dieses Gefühl in den eher linken Gegenreaktionen gar nicht zum Ausdruck kommt, dass es gewissermaßen als ein Atavismus behandelt wird, dem etwas Dummes anhaftet, ist ein massives Problem, das sich zum Imageproblem der Gegenseite des gesamtgesellschaftlichen Rechtsruckes entwickelt hat. Linke Durchhalte- und Solidaritätsparolen: Die Konkurrenz freut sich! Auch die progressiven Elemente der Gesellschaft, die aufgeklärten oder linken Kreise – oder wie auch immer man die nennen mag -, müssen sich gewissen Fragen stellen. Mit Auftritten wie jenem, der im Kielwasser eines Mordprozesses stattfand, stellt man sich allerdings nicht – man suggeriert den Menschen draußen, dass man lieber verdrängt. Dabei geht um zentrale Werte, um Sicherheit etwa oder um Gerechtigkeit – zwei Aspekte, die man nicht der AfD überlassen darf. Und vor allem, die man der AfD mit kontraproduktiven Aktionen nicht förmlich in die Hände spielen sollte. Flüchtlingsintegration ist ein wichtiges und – im Hinblick auf die globalen Geschehnisse – zeitgemäßes Bestreben. Man sollte sie aber nicht mit den Floskeln der Willkommenskultur begleiten, sondern konstruktiv und kritisch. Das bedeutet auch, die Fehlentwicklungen anzusprechen und die Probleme der ansässigen Menschen, seien sie auch noch so plump formuliert, nicht einfach nur als Nazigeschwätz abzutun. Natürlich muss man auch darüber sprechen, wenn Flüchtlinge Gewalttaten begehen. Dabei geht es um Erklärung (z.B. Traumata) ebenso wie darum, dass man das nicht als Entschuldigung anbringen darf. Man sollte ferner auch mal fragen, wie man das als gerecht empfinden kann, dass jemand ins Land kommt, mordet und dann womöglich lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung weggesperrt wird, um so den Steuerzahler für viele Jahre zu belasten. Solche Fragen dürfen nicht den Rechtspopulisten überlassen werden. Man muss sich auch links stellen. Und man muss etwaige Lösungsansätze bieten, wie zum Beispiel: Bilaterale Verträge mit gewissen Herkunftsländern von Flüchtlingen, in denen geregelt wird, dass die hier von Gerichten festgesetzte Strafe auch dort akzeptiert wird, damit man einen Mörder eben nicht in seine Heimat abschiebt und in eine Freiheit entlässt, die er nicht haben sollte. Die linke Auseinandersetzung mit den Folgen der Flüchtlingsaufnahme kann sich jedenfalls nicht darauf beschränken, dumpfe Durchhalteparolen zu postulieren und »edel sei der Mensch, hilfreich und gut« zu fordern. Das ist zu wenig. Das treibt die Menschen zur Konkurrenz.

Wir sagen „Danke, liebe Bundesregierung!“

135
Nörgler, überall Nörgler! Was auch immer die Bundesregierung (nicht) tut, sofort sind irgendwelche Leute am Start, denen das nicht passt. Das passt uns nicht. Deswegen haben wir – komprimiert auf nur fünf Minuten – hier einmal zusammengefasst, welche nahezu übermenschlichen Leistungen die Bundesregierung mit ihrer Corona-Politik auf die Beine gestellt hat. Nehmt Euch bitte diese fünf Minuten, Ihr werdet die Arbeit der Bundesregierung mit ganz neuen Augen sehen!

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Das Ende einer Freundschaft

Jetzt ist sie weg. Weg? Und wir sind wieder allein. Gemeint ist eine gute Freundin. Eine ehemalige gute Freundin. Das Tischtuch ist zerschnitten, wie man so schön sagt. Oder besser gesagt: Die Maske. Unsere Freundschaft: Ein Corona-Opfer. Zuweilen sonderbar, ein bisschen eigenbrötlerisch war sie ja immer. Oder immer mal wieder. Daran gestört haben wir uns nicht. Menschen sind nun mal verschieden. Das muss man aushalten. Ein bisschen Agenda-Mensch steckte schon in ihr, keine Frage. Ihre Themen waren jene, die man für Menschen mit oberflächlichem Interesse medial aufbereitete – wenn überhaupt. Meist drehte sich eh alles um ihren Alltag, Gespräche über Gott und die Welt, wie man redensartlich sagt, musste man ihr schon aufzwingen. Ich kannte sie einige Jahre. Meine Lebensgefährtin kannte sie schon länger. Wir haben zusammen gegrillt, sind ins Kino, Restaurant oder in den Biergarten ausgegangen – und wir haben zusammen Ausflüge gemacht. Sie war unsere Freundin. Auch wenn angeregte Gespräche über die Weltsituation und gesellschaftliche Probleme, wie wir sie gerne führen, rar waren. Man braucht auch Reibungen in so einer Freundschaft – die hätten wir gerne öfter gehabt. Zumindest sehe ich das so. Leider war ihr Meinungsbild, welches aus einer Mischung aus Yahoo-News-Meldungen und dem, was man so aufschnappt, wenn man noch nicht ganz hinterm Mond angelangt ist, bestand, nicht gerade prädestiniert für Debattenabende.
Dann kam Corona …
Trotzdem mochten wir sie. Unternahmen wir viel mit ihr. Sie war oft bei uns, Abendessen bei uns gab es häufig. Ausgehen war ja dann keine Möglichkeit mehr – aus bekannten Gründen. Logischerweise wurde der Kontakt weniger. Während des ersten Lockdowns machte sie sich rar, sie besuchte uns nicht mehr. Wir nahmen das hin, in jenen frühen Monaten der Pandemie waren wir auch noch verunsichert. Wir blieben zwar nicht viel daheim, legten uns Fahrräder zu und nutzten die leeren Straßen um durch die Stadt zu strampeln. Das war nicht ganz schlecht. Unsere Freundin sahen wir in jenen Tagen nur einmal, sie klingelte, wollte was vorbeibringen. Sie stand auf der Straße, wir an der Schwelle zum Hausgang. Zwischen uns lagen vier oder fünf Meter. Ich kritisierte schon einige Maßnahmen, forderte ein Ende des Lockdowns, der meiner Meinung nach ein Einzelfall bleiben würde, weil er zuviel zerstört. Wie naiv ich war! Sie bejahte und verneinte nicht, man spürte, sie hielt jetzt, in dieser schweren Stunde, jegliche Kritik für unangebracht. Im Laufe der guten Corona-Monate, zwischen Mai und September besuchte sie uns schon hin und wieder. Es gibt keine Kaffeekränzchen mehr, die ohne das C-Thema auskommen könnten. Man mag es noch so versuchen, zwanghaft bemüht sein, es zu meiden, man wird darauf zurückgeworfen. Wenn sich früher Kerle trafen, sprach man vom Fußball. Das tut man immer noch, aber 50 Prozent des Themenkomplexes hat eben auch mit dem Virus und seinen Folgen zu tun. So war es auch bei uns: Corona bestimmte die Gespräche. Nun war sie, ich habe versucht das weiter oben ein bisschen zu schildern, niemand der querdenkt. Und das meine ich jetzt nicht in dem Sinne, in dem das Wort heute gebraucht wird. Querdenker zu sein, galt ja vor einigen Monaten noch als Auszeichnung. Mittlerweile ist es das Label für Leute, die nicht in die Konformität einschwenken wollen. Jedenfalls ist sie niemand, der Dinge zuende denkt, kritisch beleuchtet oder Zweifel anmeldet. Sie nimmt Meldungen hin wie eine Naturkatastrophe. Stoisch und mit dem nötigen Ernst. Ohne Bedenken und ohne Skepsis.
Grundrechte auf Urlaub – sie auch
Das tun viele im Lande. Eine große Mehrheit wahrscheinlich. Sie glauben nach wie vor an die Unantastbarkeit des Medienbetriebes. Sicher hat die Corona-Zeit das Vertrauen in den Medienbetrieb weiter zersetzt. Aber wie unsere Freundin, so wohlwollend ticken immer noch sehr viele. Es ist ja auch einfacher, in gewisser Weise verstehe ich diese Haltung sogar. Man schließt ab, konzentriert sich auf sich, integriert so diese neue Realität in sein Dasein und muss nicht hadern, klammert das Destruktive aus. Kein Zweifel, sie muss unsere destruktive Haltung verabscheut haben. Die Kritik am Krisenmanagement, am Entzug der Grundrechte, am Verlust von Menschlichkeit und Zusammenhalt oder an der übertriebenen und gezielt angstmachenden Arbeit der Medien: All das haben wir immer wieder zur Sprache gebracht. Nichts davon ließ sie gelten. Nicht, dass sie uns geradegerückt hätte. So weit ging sie nicht. Das war nicht ihre Art. Aber man spürte, wie sie unsere Skepsis ablehnte, für völlig fehl am Platze hielt. Für sie seien alle Maßnahmen mehr oder weniger richtig. Sie habe Angehörige zu schützen, daher könne sie sich solche Gedanken nicht leisten. Wir sind in diesem Punkt zugegebenermaßen fein raus. Unsere Angehörigen sind überschaubar – mit manchen hatten wir schon vor der Krise keinen Kontakt mehr. Ihr eigener Kosmos war Maßstab, was kümmerte sie die Welt oder das Land, kontrollsüchtige Politik oder aberkannte Grundrechte, wenn ihr das Virus vielleicht liebe Menschen nehmen könnte. Was ein Alkoholverbot aber half, ihr diese Menschen zu erhalten, vermochte sie im Detail nicht zu erklären. Natürlich leistete sie sich in den ausgehenden Sommermonaten einen Auslandsurlaub. Auch das gehörte ja zu ihrem Kosmos: Sie fuhr schließlich immer dorthin. Wie waren ihr nicht neidisch, ich erwähne das nicht, um zu betonen, dass sie ihr Urlaubsstimmung war, obwohl das nicht geboten war in jenen Monaten, da die Fallzahlen bereits wieder stiegen. Mir geht es um was anderes: Keine Empfehlung war zu doof, als dass sie nicht mitzog, keine Maßnahme zu sinnlos, als dass sie Sinnfragen stellte – aber die Empfehlung keine Auslandsreisen zu machen: Die war ihr egal – nicht reisen zu können, war offenbar schlimmer als ein Land, in dem Grundrechte in den Urlaub geschickt wurden.
Die falsche Angst
Man spürte, dass sie sich Sorgen machte um unsere Ansichten. Ich bildete mir das jedenfalls ein. Verunsichert sind wir ja alle. Die, die die Maßnahmen einhalten und Angst haben, bei Nichteinhaltung sozial geächtet zu werden ebenso, wie solche wie wir, die plötzlich in jeder Regung des Gegenüber annehmen, ein Zeichen von Ablehung erkennen zu können. Aber ich nahm an, dass sie uns insgeheim vorwarf, eine Regung nicht ausreichend entwickelt zu haben: Angst vor der Gefahr. Das stimmt noch nicht mal. Natürlich sehe ich mich, als dicker Mittvierziger, schon auch unter Umständen auf einer Intensivstation. Ausgang ungewiss. Und ich gebe das offen zu: In den letzten Monaten gab es immer Phasen, in denen ich Symptome hatte, Halskratzen zum Beispiel, und wo ich mir kurz einredete, jetzt habe es mich erwischt. Was nie der Fall war, ich bin sehr empfindlich, wenn ich zu viel Kaffee oder Coca-Cola trinke, kratzt halt der Hals. Etwas was einer Angst nahekommt, habe ich also auch schon verspürt. Es gibt nur einen Unterschied: Ich lasse meine Angst nicht zum Alleinherrscher meiner Affekte werden. Ich leite von ihr nicht ab, dass die ganze Gesellschaft sich nach ihr zu richten hätte. Sie ist kein guter Ratgeber. Und ich halte sie nicht für die Empfindung, die die Lebensverhältnisse innerhalb des Gemeinwesens mit allen nötigen Mitteln antreiben sollte. Den Kritikern der Corona-Politik, des Lockdowns und der Notbremsen oder wie auch immer man das gerade nennt, macht man genau das am häufigsten zum Vorwurf. Sie nehmen es nicht ernst. Oder anders formuliert: Warum zum Henker habt ihr denn keine Angst? Was müssen wir denn noch auffahren, damit sie sich bei euch einstellt? Dabei haben sie ja Angst: Die andere Angst ist nämlich die, dass die Folgen eines autoritären Kurses für die Gesellschaft schlimmer sind, als das was ein Virus dieser noch überschaubaren Größenordnung anrichtet. Es ist ganz offenbar die falsche Angst. Und die wirft uns unsere Freundin stumm auch vor.
Unser Refugium: Maskenfreie Zone
Nach langen Monaten haben wir sie dann wieder gesehen. Inzwischen waren die dunklen Wintermonate an uns vorbeigezogen. Der kurze Novemberlockdown dauerte schon über vier Monate an. Sie trug Maske, als sie klingelte. Auf der Straße bei uns gilt keine derartige Pflicht. Im Wohnhaus auch nicht. Aber sie trug FFP2-Maske und war gewillt, so in unsere Wohnung zu kommen. Wir wichen in den Garten aus, da legte sie sie auch ab. Die Situation war angespannt, man fremdelte. Vorher gab es nur Kontakt via SMS. Als wir ihr an Silvester schrieben, dass wir in der Nachbarschaft durch die Straßen gingen und Sekt trinken, war sie pikiert. Es herrschte schließlich Alkoholverbot. Andere Verbotsübertretungen, die ich hier nicht weiter dokumentiere, einfach um keine Angriffsfläche für juristische Folgen zu bieten, passten ihr auch nicht. Vielleicht waren wir für sie der Prototyp des Gefährders. Wegen Leuten wie uns gibt es kein Zero Covid; das Infektionsgeschehen sind wir. Mit Maske hätten wir sie übrigens nicht in die Wohnung gelassen. Nein, wir hätten sie nicht zum Ablegen gezwungen, wir hätten sie nur nicht reingelassen. Aber in diesen Zeiten, da vor der Wohnungstüre die Welt spinnt, sich im Wahnsinn überbietet, nur noch Bevormundungen stattfinden, sind unsere Räumlichkeiten zu einem heiligen Rückzugsort geworden. Die Wohnung ist – noch – unverletzlich. Hier sind wir die Macher, die Entscheider. Wir möchten dort den Wahn der Außenwelt nicht hineinlassen. Die FFP2-Maske ist so ein Wahn. Sie ist der Masochismus derer, die glauben, dass das Atmen an sich ein Problem sei. Und warum zum Teufel trägt sie das Ding an der frischen Luft? Es scheint ihr auch zum Symbol geworden zu sein. Anfangs war sie nicht kritisch, aber sie tat nur das, was auch gefordert war – mittlerweile hat sie der vorauseilende Gehorsam gepackt. Sie trägt im Freien Maske, sie trägt die Hardcore-Maske, die in Hessen keine Pflicht ist. Wir haben uns so entfremdet, verstehen uns nicht mehr. Wer ist sie? War sie immer so? Liegt es an uns? Meine Güte, was hat Corona aus uns allen gemacht!
Das Grundproblem: Sie hat sich abgefunden – wir nicht
Uns war immer klar, dass in ihr keine Revolutionärin steckt. Das zeigte sich an vielen Facetten ihres Alltages schon weit vor Corona. Aber wir nahmen schon an, dass eine breite Palette von Kompetenzlosigkeit, fehlenden Perspektiven und schweren Eingriffen in die Grundrechte, auch Leute wie sie wachrütteln müsste. Früher oder später jedenfalls. Wir haben uns getäuscht. Je irrsinniger die Realität wurde, desto mehr glitt sie ab. Wir haben sie verloren. Oder haben wir uns verloren? Ob sie es so spürt wie wir, wissen wir nicht. Vermutlich schon. Sie wollte wieder was unternehmen mit uns, sie unternahm ein bisschen halbherzig den Versuch, uns kommende Unternehmungen zu entlocken. Ob wir denn nicht bald mal in den Zoo wollten? Dort herrscht Maskenpflicht, antworteten wir. Eintritt zahlen um dann unter freien Himmel in Zellstoff zu atmen: Nein, danke. Warum nicht vermeiden, wenn man es kann? Sie nahm es hin, ihr mache das ja nichts mit der Maske, ließ sie uns wissen. Das hatten wir eh schon vermutet. Sie hat sich damit abgefunden. Wir nicht. Das ist das Grundproblem. Sicher, noch immer glaube ich ja, das die Situation sich wieder einigermaßen normalisieren wird. Mit den Folgen jener Monate werden wir freilich lange zu tun haben. Und ob man Freundschaften neu beleben kann, die dort einen Bruch erfuhren, bleibt mindestens fraglich. Man fragt sich ja schon, wie man jemanden wieder ins Gesicht sehen kann, ohne an das Duckmäuserische zu denken, das seinerzeit hervorstach. Wie sie uns rückblickend sieht? Querulanten? Unzufriedene Menschen? Pendanten, die auf Grundrechte nicht verzichten wollten? Keine Ahnung. Die Sache mit den Kontaktbeschränkungen ist tückisch. Man will sie ja eigentlich nicht, will seine Freunde sehen. Und wenn man manche dann mal sieht, denkt man sich, dass die Kontaktbeschränkung so schlecht nun auch nicht ist. Das ist traurig. Aber nicht zu ändern. Wir bringen alle Opfer in diesen Zeiten. Und es gibt viele Wege in dieser Zeiten, um einen Menschen zu verlieren.

Die Russen, die Deutschen und der Krieg

Wieso sind ausgerechnet die Deutschen so willig, eine Eskalation nach der anderen gegen Russland zu initiieren? An der Ukraine liegt es nicht, das kann man sicher sagen. Denn das, was dort angeblich verteidigt wird – Demokratie, Freiheit, Friede, Freude und natürlich Eierkuchen – mag in der Tagesschau-Redaktion, in den SPIEGEL-Redaktionsstuben und an den Mikros der Radiostationen existieren. In der Ukraine sieht das Bild dagegen anders aus. Warum also sind die Deutschen so scharf auf Krieg? Bevor es an den Versuch einer Analyse über die Deutschen und ihr Verhältnis zum Krieg geht, sei vorausgeschickt, dass es „die Deutschen“ natürlich nicht gibt. Es gibt hierzulande Abstufungen in Bezug auf die Einordnung zum Ukraine-Krieg. Doch in den letzten Wochen hat sich gezeigt, dass sich selbst vermeintlich Linke oder andere progressive Kräfte erstaunlich offen für das deutsche Eingreifen positionieren, schwere Waffen inklusive. Auf den ersten Blick scheint das nachvollziehbar zu sein, es fällt leicht, sich gegen einen Aggressor aufzustellen, der ein Land überfällt. Doch erstens ist die westliche bzw. deutsche Empörung bei den zahllosen Angriffskriegen und sonstigen Interventionen des Westens in dieser drastischen Form faktisch nie geäußert worden. Und zweitens könnten Emotionen, die tief vergraben sind, eine Rolle spielen. Und hiermit beginnt der Versuch der Analyse.

Die Russen und der Krieg

Für die Russen ist der 9. Mai ein ganz besonderer Tag, das ist bekannt. Der Sieg über die Nationalsozialisten war keine Selbstverständlichkeit, und die Tatsache, dass der Überfall der Deutschen auf Russland nicht einmal mit einer Kriegserklärung eingeleitet wurde, führte zu einem Überraschungsmoment, das den Russen erhebliche Nachteile bescherte und den Widerstand entsprechend erschwerte. Umso stolzer sind die Russen noch heute auf die Leistung der Roten Armee, die den Nazis die Stirn bot. Wenn Hunderttausende durch Moskau laufen und die gefallenen Kriegshelden und Familienangehörigen auf Bildern durch die Straßen tragen, so sind sie immer mit einer Träne im Auge unterwegs, denn kaum eine Familie hat keine Opfer zu beklagen. Und so wird ihnen gedacht, und in die Tränen mischt sich Stolz. Drei Aspekte zeichnen die russische Haltung zum Zweiten Weltkrieg aus: 1. Die Russen wurden angegriffen 2. Sie wurden gewissermaßen vom personifizierten Bösen attackiert 3. Sie haben dieses Böse besiegt Diese drei Aspekte sind entscheidend für das, was wir heute erleben, dazu weiter unten mehr. Der Stolz und der Patriotismus der Russen, wenn sie den 9. Mai feiern und den Opfern gedenken, werden in Deutschland gern als Nationalismus ausgelegt, nach dem Beginn des aktuellen Krieges in der Ukraine ohnehin. Doch das ist eine Fehleinschätzung. Man wird auf dem Marsch des „Unsterblichen Regiments“ faktisch keine Parolen finden, die über das Thema des „Tages des Sieges“ hinausgehen. Allerdings gehörte in diesem Jahr 2022 die Ukraine ganz klar dazu, als sich ca. eine Millionen Russen auf den Weg zum Roten Platz machten. Die Vielzahl der Leser wird das nicht für die Russen auslegen, weil ein Vergleich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten stets als Verharmlosung betrachtet wird (es sei denn, man ordnet Demonstranten gegen oder für was auch immer als potenzielle Nazis ein, dann werden meist beide Augen zugedrückt). Doch auch wenn der Widerstand der Leser noch so enthusiastisch vorgetragen wird, die Ukraine hat definitiv ein Problem mit Faschismus und Nazismus. Die Tatsache, dass die Bedeutung und der Einfluss etwa des Asow-Regiments hier verschwiegen, heruntergespielt oder als inzwischen behobenes Problem dargestellt wird, ändert nichts an den Fakten. Und wenn in den Tagesthemen ein Asow-Kämpfer im Interview faktisch als „normaler“ Soldat für Frieden, Freiheit und natürlich Eierkuchen präsentiert wird, ist das kein Zeichen für die Läuterung des Kämpfers, sondern für die geschichtsverfälschende Berichterstattung der meisten Medien. Für die meisten Russen sind die Entwicklungen in der Ukraine eine verstörende Angelegenheit, die Erinnerungen wachruft. Man muss sich schon sehr bemühen, um diese Emotionen der Russen auszublenden, kleinzureden oder gar zu kritisieren. Denn während in Deutschland der Ruf „Nie wieder!“ längst zu einer oberflächlichen Folklore verkommen ist, die nicht mehr wert ist als einst „Der Blaue Bock“ oder heute der „Eurovision Song Contest“, ist das „Nie wieder“ in den Herzen der Russen fest verankert, was auch daran liegt, dass der Sieg über die Nationalsozialisten die Einheit, die Wehrhaftigkeit und die Solidarität des russischen Volkes miteinander repräsentiert.

Die Deutschen und der Krieg

Weiter oben war von drei Aspekten die Rede, die die Russen mit dem 9. Mai verbinden. Hier folgen nun die Aspekte, mit denen sich die Deutschen „herumschlagen“: 1. Die Deutschen haben angegriffen 2. Den Deutschen ist heute klar, dass sie im Zweiten Weltkrieg das personifizierte Böse dargestellt haben 3. Sie haben als das Böse eine Niederlage erlitten. Es ist naheliegend, dass diese drei Punkte weder Stolz noch Patriotismus zur Folge haben können. Nicht in Deutschland, nicht bei den Deutschen. Und so wird am 9. Mai zwar der Opfer der Verbrechen der Naziherrschaft gedacht, aber nicht der Niederlage im Krieg. Bei dieser Betrachtung geht es jedoch nicht darum, dem Gedenken an die Opfer der Verbrechen durch die Nazis kritisch zu begegnen, im Gegenteil. Vielmehr wäre ein Marsch der – nennen wir es hier einmal hypothetisch – „Unsterblichen Nazi-Opfer“ ein womöglich sinnvoller Versuch, bei den nachfolgenden Generationen in Deutschland das Bewusstsein für die Grauen der Nazizeit aufrechtzuerhalten. Dass es zu einem solchen Marsch jemals kommt, ist jedoch unwahrscheinlich. Es geht also hier nicht um die Unterminierung der Opfer des Naziregimes, sondern um die fehlenden zusätzlichen Feierlichkeiten zur Niederlage der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Solche Feierlichkeiten wären in der Tat keine, die mit denen der Russen verglichen werden können. Denn während Russland Größe gezeigt hat, als es gegen die Nazis kämpfte, müssten die Deutschen heute die Größe haben, sich der Niederlage zu stellen und sie als Sieg gegen das Unmenschliche, das Böse, das Entsetzliche anzuerkennen. Man kann das soeben weiter oben Geschriebene in Abwandlung nur wiederholen: Dass es zu solchen Feierlichkeiten jemals kommt, ist jedoch unwahrscheinlich. Doch es wäre nötig, und es läge sogar nahe. Die Russen haben die meisten Opfer im Zweiten Weltkrieg zu beklagen. Sie haben die größte Last getragen und maßgeblich zum Sieg über den Faschismus beigetragen. Die Rolle der restlichen Alliierten soll hier nicht ignoriert werden, sie kann in der historischen Betrachtung aber durchaus kritisch betrachtet werden. Doch auch wenn man davon absieht – und das soll in diesem Text der Fall sein -, bleibt am Ende die historische Wahrheit, dass es Russland war, das durch seinen Kampf im Zweiten Weltkrieg den größten Anteil am Ende des deutschen Faschismus hatte. In letzter Konsequenz – und das mag ungewöhnlich klingen, aber nüchtern betrachtet ist es nicht zu leugnen – gäbe es nur eine angemessene Reaktion des Westens auf die Feierlichkeiten der Russen zum 9. Mai: Dankbarkeit. Denn in was für einer Welt würden wir heute leben, wenn Russland im Zweiten Weltkrieg verloren hätte? Man mag es sich nicht ausmalen.

Geschichte wird gedacht

Wenn jemand, der sich ukrainischer Botschafter in Deutschland nennt (losgelöst von den Aufgaben, die ein Botschafter normalerweise zu erfüllen hat), heute beim Einsteigen in eine Limousine auf die Frage eines Journalisten, wer Deutschland vom Nationalsozialismus befreit habe, antwortet, das sei die Ukraine gewesen, muss das in erster Linie Russen einen schmerzlichen Stich ins Herz versetzen. In zweiter Linie müsste es aber auch das deutsche Herz treffen, das weiß oder wissen muss, wer den Sieg über Hitler und seine zahlreichen Komplizen aus Politik und Wirtschaft ermöglicht hat. Wenn der damalige ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk am 7. Januar 2015 in den ARD-Tagesthemen unhinterfragt und unwidersprochen folgenden Satz sagen konnte: „Wir können uns alle sehr gut an den russischen Anmarsch in die Ukraine und nach Deutschland erinnern“, kann man nur inständig hoffen, dass die Menschen in Russland davon nichts mitbekommen haben. Zum Schutz ihrer Herzen, denen dieser Stich schier unerträgliche Schmerzen zufügen muss. Es sind diese und weitere Formen der Geschichtsverfälschung, der Neuschreibung der Geschichte, die die Russen auf unfassbare Art und Weise herabwürdigen, aus ihnen Täter zu machen versuchen und gleichzeitig die Rolle der Deutschen auf mal mehr, mal weniger subtile Weise in ihrer Grausamkeit verblassen lassen. Seit der aktuelle Krieg in der Ukraine begann, häufen sich diese Verbrechen an der historischen Wahrheit, und jeder Russe, der davon erfährt, begegnet ihnen vornehmlich mit Trauer und einer tiefen Enttäuschung, aber auch wütende Reaktionen nehmen zu. Dennoch wird man bei einem Besuch in Russland nur sehr, sehr selten einer grundsätzlichen Feindschaft den Deutschen gegenüber begegnen. Es wird differenziert zwischen dem, was die politischen Entscheidungsträger hierzulande veranlassen und dem, was die Menschen denken und fühlen. Es mag pathetisch klingen, aber das Herz der Russen ist groß, es nimmt die Gefühle der Menschen gern auf, öffnet die Arme und heißt uns willkommen.

Späte Rache

Wie bereits oben erwähnt, gibt es „die Deutschen“ nicht. Aber wie ebenfalls oben beschrieben, gibt es dennoch eine große Zahl von Deutschen, die aufgrund des Ukraine-Krieges sämtliche Hemmungen fallen lassen. Geimpft durch die massive Manipulation von Medien und Politik ist es inzwischen en vogue, sich für das Eingreifen in den Ukraine-Krieg einzusetzen, schwere Waffen zu fordern und grundsätzlich einen Kriegseintritt Deutschlands (den es längst gibt) zu befürworten. Die Argumente heißen Demokratie und Freiheit, hinzu kommt der Eierkuchen, den sich alle wünschen. Ausgeblendet wird dabei sowohl die westliche Motivation, Russland zu schwächen oder gleich ganz in das Korsett des Neoliberalismus zu pressen. Ausgeblendet wird aber auch die politische Lage in der Ukraine, die weit entfernt ist von den schwärmerischen Bekundungen und Erzählungen des Westens. Die Ukraine wird uns keine Eierkuchen liefern, wenn sie von uns Waffen bekommt, und wir werden ihr keine Freundschaft senden, wenn sie bis zum letzten Ukrainer für uns kämpft. Ausgeblendet wird letztlich alles, was das Bild eines Hochglanzstreifens stören könnte, stattdessen wird der Eierkuchen, den es nicht gibt, mit Zucker garniert, der nicht existiert. Die Ukraine ist dem Westen egal. Sie wird geschwächt und mit unzähligen Opfern aus diesem Konflikt hervorgehen, ihr Präsident wird am Ende abgelöst oder getötet, der Schuldenstand wird Dimensionen erreichen, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat, die aber nach Rückzahlung schreien. Und die Deutschen? Sie sind mittendrin statt nur dabei. Sie reden und handeln sich um Kopf und Kragen, planen mit amerikanischem überteuerten und die Umwelt und Menschen schädigenden US-Gas, das schwer zu gewinnen und ebenso schwer zu transportieren ist, sie pfeifen auf das Bruttoinlandsprodukt, auf Preissteigerungen, Arbeitslosigkeit, eine geschwächte Industrie und Energieengpässe. Alles wegen der Demokratie in der Ukraine? Man kann eine Million Argumente in die Waagschale werfen, um den Ukraine-Krieg zu erklären und Deutschlands Rolle darin einzuordnen. Aus dieser Vielzahl von Argumenten fallen jedoch die Rettung der Demokratie und der Freiheit heraus, um sie geht es definitiv nicht. Weil es beides in der Ukraine nicht gibt. Und so bleibt am Ende dieses kleinen Thesenpapiers die Möglichkeit, dass die Deutschen (nicht „die Deutschen“, aber die Deutschen) auf späte Rache sinnen, im Laufe der letzten rund 70 Jahre dem Revanchismus verfallen sind, der sich eingebrannt hat in den Köpfen und eben leider auch in den Herzen. Man will auch als Deutsche endlich mal wieder etwas zu feiern haben, und wenn es auch noch ein Krieg und dessen Gewinn ist, wird man später stolz sein können, endlich! Die Deutschen, sie standen nun einmal auf der falschen Seite in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, sie können nicht stolz sein, können keine Tränen vergießen wegen ihrer Opfer, die für die gute Sache gekämpft haben. Sie waren im Zweiten Weltkrieg das Böse, das man bis heute nicht feiern, sondern nur verurteilen kann, wohlwissend, dass man mit diesen historischen Tatsachen leben muss. Und so ziehen sie in den Krieg, tun alles, um eine wichtige Rolle zu spielen, vielleicht die wichtigste von allen Beteiligten. Sie wollen etwas retten, egal, was es ist, es muss nur Chancen haben, später als gut und richtig in den Geschichtsbüchern zu stehen. Erneut marschieren die Deutschen los, Richtung Russland, irgendwie, über Umwege, weil der direkte Weg nach Moskau verbaut ist, durch die Deutschen selbst, durch ihre Taten. Sie müssen den Umweg nehmen, über die Ukraine, aber sie hoffen und glauben, dass alle Wege nach Moskau führen, dass sie am Ende triumphierend auf dem Roten Platz stehen werden und sagen können: Seht, wie haben es geschafft, wir haben Russland besiegt, wir sind die Guten, schreibt es auf, Historiker, schreibt es in die Bücher, damit es in Stein gemeißelt ist! Doch daraus wird – einmal mehr – nichts werden. Denn die Deutschen stehen wieder einmal auf der falschen Seite. Sie wissen es nur noch nicht, wollen es noch nicht wahrhaben.

Unser politisches Personal ist absolut fähig

Wir werden von Schwachmaten regiert? Von einem tumben Stotterlenchen im Außenministerium vertreten? Haben das unfähigste Politpersonal aller Zeiten? So kann man das sehen – aber diese Sichtweise ist verharmlosend. Nun muss ich zugeben, dass ich mich selbst schon oft dabei ertappt habe, wie ich über die Unfähigkeit unseres politisches Personals staunte oder sogar schon meine Mitmenschen wissen ließ, dass ich uns von Idioten regiert betrachte. Diese Pathologisierung liegt nahe, sie ist gewissermaßen menschlich, um Abläufe, die schwer zu verstehen sind, irgendwie erklärbar und nachvollziehbarer zu machen. Denn es ist ja schon erstaunlich, dass es jemand wie Annalena Baerbock zur Außenministerin schaffte oder Ursula von der Leyen zur Präsidentin der Europäischen Kommission. Wodurch haben sich die beiden genannten Personen, die hier nur exemplarisch für viele andere Politikerinnen und Politiker stehen, für solche Ämter ausgezeichnet? Und erfüllen sie ihr aktuelles Amt nicht sogar wirklich schlecht? Diese einfache Erklärung, dass Leute dieses fehlenden Formats einfach nur unfähig sind, stellt wie gesagt eine ganz normale Reaktion dar. Aber wenn man ehrlich ist, stimmt sie nicht. Dieses Personal ist nicht einfach unfähig. Das Gegenteil trifft zu: Sie haben es zu einem solchen Amt geschafft, können trotz einer schlechten Ausführung der Position dennoch im Amt verharren, weil sie absolut fähig sind.
Im höchsten Maße fähiges Personal
Um bei der Außenministerin zu bleiben: Es ist recht verlockend, sie als unfähige Quotenfrau und Proporzministerin zu stilisieren. Sie spricht dümmlich, entstellt Worte und verhaspelt sich in einer Tour. Jeder mit gesundem Menschenverstand fragt sich, wie es zu dieser ministeriellen Konstellation kommen konnte – die Medien indes jazzen sie hoch: Aber dort scheint ja der gesunde Menschenverstand seit langem hinausgefegt worden zu sein. Die Annahme, dass die Frau unfähig ist, weil sie sich gewisse Makel hat und offenbar nicht umreißt, welche K0nsequenzen ihr diplomatisches Missgeschick zeitigt, liegt durchaus nahe. Der Punkt ist nur, dass Baerbock ganz und gar nicht unfähig ist. Als Young Global Leader agiert sie genau so, wie das die Atlantiker und ihre Institutionen sich vorstellen. Sie versucht ganz auf NATO-Kurs zu bleiben, hält sich nicht mit Fragen der Friedensschaffung auf, sondern zieht die Agenda durch, die höhere Mächte als diese Bundesregierung sich für uns ausgedacht haben. Annalena Baerbock ist eine Einflussagentin. Und diese Rolle spielt sie nicht etwa kläglich: Sie füllt sie mit Bravour aus. Sie ist also im höchsten Maße fähig. Klar, wenn man das von der Warte aus betrachtet, dass deutsche Politiker ja eigentlich dem Volk verpflichtet sein sollten, gar einen Eid leisten auf Abwendung allen Schadens, dann kann einem schon das Gefühl beschleichen, dass Unfähigkeit am Werk ist. Aber nach diesen Kriterien besetzt man wichtige Ministerposten nicht. Da geht es um die atlantische Ideologie und um eine Personalplanung, die sicherstellt, dass sie weiter beachtet wird. Aus diesem Grund fürchtet sich der Apparat ja so sehr vor erstarkten Alternativen wie Le Pen oder die AfD: Nicht weil sie glaubten, die seien besonders menschenverachtend – sie halten sie für schlechte Atlantiker. Die Linken fürchtet in dieser Hinsicht heute keiner mehr, man weiß, dass sie akzeptable Transatlantiker sind.
Nicht klug, aber smart
Anton Hofreiter hat sich bis neulich noch mit landwirtschaftliche Fragen befasst. Mittlerweile ist er zum Warlord mutiert. Das kann natürlich Zufall sein, ganz einfach die aufgestaute Wut eines Mannes, der nicht den Posten erhielt, den er für sich in Anspruch genommen hatte. Aber möglich ist auch, dass man an ihn herangetreten ist, ihn »umgedreht« hat. Letzteres ist sogar recht wahrscheinlich, die deutsche Politik ist anfälliger als je zuvor für Beeinflussung – und ihre Vertreter sind bekennende Influencer. Hofreiter beweist gerade auch: Er ist kein unfähiger Trottel, sondern ein durch und durch fähiger Erfüllungsgehilfe höchster Interessen. Klug muss man dafür nun wirklich nicht sein. Nicht im klassischen Sinne, nach Standards des humanistischen Bildungsideals etwa. Allgemeinbildung schadet nicht, muss andererseits aber auch nicht unbedingt sein. Ein bisschen smart zu sein, hilft hingegen immer. Und wenn es klug sein soll, die vorexerzierten Positionen anzunehmen und wiederzukäuen, dann ist es vor allem diese Art von Klugheit, die benötigt wird. Dass wir es mit intellektuellen Minderleistern zu tun hätten, die als Einflussagenten der Bevölkerung Flausen in den Kopf setzen, verleitet natürlich dazu, sich darüber lustig zu machen. Sich lustig zu machen ist natürlich auch eine Entlastungsstrategie, denn Lachen befreit. Wenn man sich mal kurz einreden darf, von Idioten regiert zu werden, fühlt man sich selbst gleich ein bisschen besser. Aber wir sollten uns nicht täuschen: Das sind keine orientierungslosen Spinner, die hier am Werk sind. Sie sind sehr gut orientiert. Sie kennen die Richtung und halten sie auch ein. Es sind fähige Mitarbeiter, die für Interessen eingesetzt werden, die mit denen der Souveräne dieses und anderer europäischer Staaten nichts zu tun haben. Sie sind wenigstens nicht doof genug, um sich nicht andienen zu können. Wie gesagt, sie sind nicht unfähig, sondern fähig. Und vielleicht sogar zu allem fähig.

Der böse, Spione vergiftende Russe: Wen wollt Ihr eigentlich für dumm verkaufen?

133
Klar, der Russe war‘s. Ist ja immer so. Von der „Russenpeitsche“ haben wir uns noch nicht richtig erholt (Füße und Kopf sind nach wie vor eiskalt), da kommt der Russe wieder um die Ecke und bringt einen Spion um. Fast jedenfalls. Wobei … Moment mal! Stimmt das eigentlich? Einerlei, auf die Stimmung kommt es an, auf die richtigen Vibrations, das Feeling, den Spirit. Wobei der Geist nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Zunächst einmal gibt es da ja diese theoretische Unschuldsvermutung. Man las vor Jahren drüber. Die greift aber in diesem Fall nicht, denn der Verdächtige heißt Russland. Es ist bezeichnend, dass Sigmar Gabriel sagte, sollte sich herausstellen, dass Russland hinter dem Anschlag stecke, sei das ein „ernster Vorgang.“ Oha, und wenn nicht? Dann ist es kein ernster Vorgang? Man reibt sich verwundert die Augen und rauft sich die Haare, wenn man so einen Unsinn liest. Bewiesen ist also nichts, aber feuern kann man ja trotzdem schon mal, triffste immer den Richtigen, oder wie? „Höchstwahrscheinlich“ waren es die Russen, sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk. Ich sehe gerade einen Richter vor mir, vor dem ein Angeklagter steht. Der Richter verkündet pathetisch: „Da Sie die Tat höchstwahrscheinlich begangen haben, verurteile ich Sie hiermit zu 10 Jahren Haft.“ Es dürfte ein Raunen durch den Saal gehen, der Anwalt des Angeklagten käme aus dem Lachen nicht heraus und das Urteil wäre schneller Makulatur, als ein Lämmlein mit dem Schwanz wackeln kann. So liefe es wohl. Höchstwahrscheinlich. Aber wir müssen einsehen, dass es hier nicht um einen vergifteten Spion geht. Es geht um mehr. Zumal nicht nur die Beweise fehlen, sondern auch die Logik einen Strich durch die Rechnung macht. Russland killt (zumindest fast) also kurz vor den Präsidentschaftswahlen und in zeitlicher Nähe zur Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land einen Spion? So blöd wie die Erfinder dieses Szenarios könnte Putin nicht mal sein, wenn er ein Vollbad in Wodka hinter sich hätte. Es ergibt einfach keinen Sinn! Aber das ergibt Sinn: Der Experte (was wären wir nur ohne unsere Experten?) Albert Sahel nannte die russische Tat, die womöglich gar keine russische Tat ist, eine „kaltblütige Machtdemonstration Russlands“ und empfahl der Bundeswehr, das Material zu verdoppeln und auch an der Truppenstärke zu arbeiten. Und schon wieder fällt mir diese unangenehme, sperrige Unschuldsvermutung ein, aber sei‘s drum. Wenn wir mal ganz ehrlich sind, ist dieser „ernsthafte Vorgang“ nichts weiter als eine politisch und medial breit angelegte Verarschung. Es gibt einen vergifteten Spion und seine Tochter, aber keine Beweise, dafür haufenweise Vermutungen, Unterstellungen, Vorverurteilungen und Pläne, wie man mit der Tat, die der Russe verübt hat oder eben nicht verübt hat, umgehen will. Wen will man mit dieser hanebüchenen Story eigentlich für dumm verkaufen? Man weiß es nicht. Aber eines ist sicher: Die westlichen Geschichtenerzähler werden immer fantasieloser, wenn es um glaubwürdige Storys geht. Ginge es um eine Verfilmung, würde jeder Produzent, der das Drehbuch in die Finger bekommt, abwinken und lächelnd kundtun: „Kommen Sie wieder, wenn Sie eine schlüssige und logische Story haben. Und jetzt stehlen Sie mir nicht noch mehr meiner Zeit.“  [InfoBox]