8.8 C
Hamburg

Wissen heißt nicht machen

Published:

Muss man immer »die Wissenschaft« fragen, wenn man sich nicht ganz sicher ist? Soll es kein Leben neben der Wissenschaft mehr geben? Wer das bejaht, spricht sich für ein tristes Leben aus.

Kaum war das Selbstbestimmungsgesetz besprochen, fragte die Frankfurter Allgemeine in der Berliner Charité nach: Ist das eine gute Idee, dass jeder künftig sein Geschlecht selbst bestimmen kann? Der Grundgedanke dahinter war einfach: Leute der Wissenschaft müssten darauf doch eine Antwort haben. Diese Denkweise hat sich in den letzten Jahren etabliert. Sie scheint in die Syntax jeder Entscheidungsfindung eingraviert worden zu sein. Ohne vorher »die Wissenschaft« gefragt zu haben, entscheidet man besser nichts, ja kann man überhaupt gar keinen Entschluss fassen. Das wäre gewissermaßen verantwortungslos.

Ganz wichtig an der Stelle: Man fragt in jeden Falle »die Wissenschaft« – im Singular. Auch diese Vereinzelung hat sich zuletzt verfestigt. Mehr als eine Wissenschaft kann man auch gar nicht fragen, denn das kostete dann doch zu viel Zeit. Übrigens, keine Ahnung was die Charité geantwortet hat. Der Artikel titelte mit der Aussage, dass Geschlecht ein Gefühl sei, was in etwa wohl wiedergibt, wie das die Herren und Damen, die am Puls der Wissenschaft dienen, eingeordnet haben könnten. Ob das aber eine gute Idee ist, wie die FAZ fragte, muss man noch nicht mal wissenschaftlich beantworten – soll man auch gar nicht. Sinnvoller ist es ohnehin, sich die Fragen des Zusammenlebens politisch zu vergegenwärtigen. Wie wir leben wollen, wie wir es organisieren, ist stets ein Politikum – und nichts anderes.

Wissen schafft?

Wie? Das sehen Sie anders? Kann ja sein. Aber lassen Sie mich mal einige Fragen stellen, ich will wissen was für ein wissenschaftlicher Typ Sie sind? Haben Sie Ihre Gattin eigentlich nach dem Stand der Wissenschaft ausgewählt? Sie streiten viel, die Nachbarschaft weiß zu berichten. Sie weiß unter anderem auch, dass es nicht erst seit neulich laut bei Ihnen wird. Ein Nachbar, der nicht genannt werden will, behauptet unbeirrt, dass er Sie schon vor zehn Jahren streiten hörte. Damals waren Sie noch nicht verheiratet und, lassen Sie mich schnell nachrechnen, erst seit etwa einem Vierteljahr mit Ihrer nunmehrigen Frau Gattin zusammen. Sie haben vielleicht recht, hätten Sie vielleicht vorher zusammen ein großes Blutbild gemacht, ein EEG und einige tiefenpsychologische Tests, hätte man vielleicht sagen können, dass es einige Marker gibt, die diese Verbindung mit Ihrer Frau, sagen wir mal, kritisch betrachten lassen.

Ihre Ehe geht mich wirklich nichts an, stimmt schon. Aber man sieht Sie auch laufen, jeden Tag eine Stunde. Fußball spielen Sie auch, munkelt man. Haben Sie eigentlich je wissenschaftlich prüfen lassen, ob Sie dazu die Konstitution haben? Sport ist natürlich gesund – grundsätzlich. Und er bereitet ganz offensichtlich vielen Menschen große Freude. Aber nur aus der reinen Freude heraus einfach mal loszappeln, ohne auch zu wissen, ob man zu denen gehört, für die jeder denkbare Sport gesund ist: Das ist doch eigentlich hochgradig fahrlässig, oder? Es sei denn, Sie können wissenschaftlich fundiert nachweisen, dass Sie psychologische Defizite haben, die Sie risikofreudig machen.

Eigentlich besteht doch kein ganz geringer Anteil des menschlichen Lebens aus einer Aneinanderreihung von Zufällen und Bauchgefühlen. Manches tun wir, obwohl wir sogar ahnen, dass es nicht ganz vernünftig ist. Eine Zigarre schmeckt köstlich; vier Gläser schwerer Rotwein machen ein herrlich dumpfes Gefühl, befruchtet das gesellige Beisammensein, manches Gespräch wird dadurch runder, tiefer, ja auch besser. Die Wissenschaft – die zuständige Fakultät in ihr – würde das kritischer sehen. Sie weiß nur wenig von guten Gesprächen bei Rauch und Rausch. Sie sitzt am Mikroskop, wälzt Statistiken, liest Berichte von Leuten, die am Mikroskop saßen und Statistiken wälzten.

Sie ist Angebot, keine Verpflichtung

Das ist ganz ohne Bewertung gemeint, frei von jedem Spott. Man benötigt ja Menschen, die sich als Wissenschaftler sehen. Sie sind es ja auch nur »auf Arbeit«. Ob die gute Ratgeber sind, was die Organisation des eigenen Lebens oder gar des Zusammenlebens betrifft, darf freimütig bezweifelt werden. Wissenschaft ist nur ein Ausschnittsdienst. Wenn Sie zu einem Schuster gehen – die Älteren unter uns kennen diese Spezies noch -, dann sohlt der Ihre Schuhe. Er erzählt Ihnen aber nicht, wie schön es wohl wäre, wenn Sie diese Schuhe mal auf eine der Kanaren oder auf der Zugspitze tragen würden. Seine Dienstleistung reduziert sich auf wenige Handgriffe, eine Lebensphilosophie ist nicht inbegriffen. Warum glaubt man, dass jemand, der die Wirkweise eines Virus kennt oder wie das Immunsystem funktioniert, irgendeinen besonderen Lebensratschlag parat haben müsste? Wissenschaft ist letztlich auch nur ein Angebot – sie verpflichtet zu nichts.

Menschliches Leben gab es übrigens schon, bevor der Mensch zum Wissenschaftler wurde. Zugegeben wurden Menschen im Durchschnitt beileibe nicht so alt in diesen Jahren. Nun betreiben wir als Spezies seit vielen Jahrzehnten Wissenschaft. Aber nie zuvor wurde sie so strikt als Maßnahmenkatalog und als Wegweiser verstanden wie im Moment. Ob während der Corona-Krise oder bei Debatten um den Klimawandel: Ständig bezieht man sich darauf, dass man nun auf die Wissenschaft hören solle – und radikaler: Dass man dieses Gehör für die Wissenschaft erzwingen müsse.

Zwei Sätze zuvor schrieb ich, dass es nie zuvor so eine Wissenschaftstotale gab. Das ist falsch. Es gab sie. Und zwar in der Sowjetunion. Der Autor Simon Ings gibt ausführlich Auskunft über den Streit zwischen Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. Bezeichnenderweise nennt er seine Abhandlung »Triumph und Tragödie. Stalin und die Wissenschaftler« – denn in letzter Konsequenz war es eine Tragödie. Die Menschen lebten nicht etwa wissenschaftlich versierter in jenen Jahren, sondern fürchteten sich, als Konterrevolutionäre eingestuft zu werden, weil sie den letzten Stand der verordneten Wissenschaft nicht lebten. Für die Wissenschaftler selbst sah es noch düsterer aus. Sie verloren den Job oder gewannen eine neue Heimat in Sibirien. Wissenschaftler untereinander bereiteten sich die Hölle, beäugten sich streng und hauten andere in die Pfanne, wenn sie wissenschaftliche Linientreue vermissen ließen.

Wissenschaft: Ein (viel zu) ordentliches Gefühl

Dass aber aus der Verwissenschaftlichung des Sozialismus, angeschoben durch einen starken Mann, Stalin eben, eine ganz besondere oder irgendwie ganz rational ausgeprägte Gesellschaft entstanden wäre, kann man nun wirklich nicht behaupten. Das Gegenteil trat ein. Hysterie und Überwachung nämlich. Und ein Staat, der nicht etwa nur auf die Wissenschaft hörte, sondern sie so formte, dass sie in eine erwartbare Richtung wirkte. In den Aufbruchsjahren des real existierenden Sozialismus war man überzeugt davon, dass die Ausrichtung allen menschlichen Strebens nach den jeweiligen Erkenntnisständen der Wissenschaft als den letzten Stein zum endgültigen Sieg der Aufklärung darstellt. Dahinter steckte freilich ein arg mechanisiertes Menschenbild, Ärzte begriffen sich etwa als Ingenieure.

Die Wissenschaft suggerierte eine vollumfängliche Ordnung, die das gesellschaftliche Chaos in vernünftige und nachvollziehbare Bahnen lenken könne, wenn man sie nur drastisch genug exekutiert und ihre sämtliche Befugnisse erteilt, die nötig sind. Dabei ist Wissenschaft nur ein (viel zu) ordentliches Gefühl. Aber keine ordentliche Wirklichkeit. Sie verläuft chaotisch und ist fehleranfällig. Außerdem ist sie das Produkt von Menschen, die zwar einer gewissen Objektivität verpflichtet, aber aus Gründen der Finanzierung oder auch aus politischen Motiven heraus, vorgeprägt sind.

Aber grundsätzlich kann man sagen, dass Wissenschaft, oder besser gesagt die Wissenschaften, nur einen Teilbereich menschlicher Schaffenskraft darstellen. Den Dingen auf den Grund gehen zu wollen ist mindestens so menschlich, wie der Drang, Dinge verspielt darzustellen: Wie es die Kunst etwa tut. Genüsse sind nicht selten wissenschaftlich unvernünftig: Sie sind ungesund und schädlich. Aber Mensch zu sein bedeutet eben auch, genießen zu wollen: Auch wenn es unter Umständen unliebsame Konsequenzen zeitigt.

Primat der Politik

Wenn die Wissenschaften einem ordentlichen Gefühl unserer Spezies entstammen, so sind viele andere Bereiche des menschlichen Wirkens eher dem Chaoten in uns und dem Streben nach Unordnung geschuldet. Diese Seite auszublenden und sie der vermeintliche Ordnung der Wissenschaft zu opfern, macht uns nicht reicher als Spezies: Sie nimmt uns Lebensqualität und macht uns arm. Ein Leben nach Maßgabe wissenschaftlicher Erkenntnisse mag zwar vielleicht möglich sein, erscheint aber sinnlos. Wie traurig so ein Leben sein kann, hat man ganz gut vor über einem Jahr gesehen, als der Humor mit wissenschaftlicher Bierernsthaftigkeit reflektiert wurde. Damals hatten Schauspielerinnen und Schauspieler in satirischen Clips die Lockdown-Politik ins Lächerliche gezogen. In einem wissenschaftlichen Staatsmodus, so ließ es sich seinerzeit erahnen, gibt es nichts mehr zu lachen.

Nicht alles, was Wissenschaft kann, sollte gemacht werden. Was hier für gewisse Extremformen der Forschung gilt: Für genetische Manipulationen an dem, was Christen die Schöpfung zu nennen pflegen – übrigens ein kraftvolleres, auch respektgebietenderes Wort als »Umwelt« oder »Natur«, weil es eine Anstrengung und einen Plan beinhaltet -, gilt aber auch für andere etablierte Forschungsfelder. Nur weil etwas gesund ist, kann man Patienten nicht verfolgungsbetreuen. Und ja, sicher kann man seine Partnerwahl von einem psychologischen Experten begleiten lassen. Aber ob es dann am Ende knistert oder nur ein langweiliges Ticken der Wanduhr gibt, darüber kann man mal spekulieren.

Im Grunde gilt doch hier dasselbe wie vor jenen Tagen, als wir uns von Apokalypse in Apokalypse manövrierten: Damals, als der Neoliberalismus die größte Sorge war, deren wir uns bewusst waren. Kritiker plädierten, dass das Primat nicht bei der Wirtschaft, sondern bei der Politik liegen müsse. Letztere habe aber mehr und mehr die Handlungsmöglichkeiten aus der Hand gegeben, dereguliert und vermeintliche Experten machen lassen. Mit der Wissenschaft ist es nicht anders. Sie ist nicht dazu da, die Menschen zu regieren. Wir dürfen ihr nicht ein neues Gottesgnadentum andichten, eine Unanfechtbarkeit qua Expertise: Selbst wenn sie mit allem recht hätte – und das hat sie freilich nicht -, muss man nicht umsetzen, was sie von sich gibt. Denn ihr auf dieser Grundlage zu folgen: Das mündet zwangsläufig in totalitären Strukturen, weil sie die anderen Seiten menschlichen Daseins ausblendet.

Roberto J. De Lapuente
Roberto J. De Lapuente
Roberto J. De Lapuente ist irgendwo Arbeitnehmer und zudem freier Publizist. Er betrieb von 2008 bis 2016 den Blog ad sinistram. Seinen ND-Blog Der Heppenheimer Hiob gab es von Mitte 2013 bis Ende 2020. Sein Buch »Rechts gewinnt, weil links versagt« erschien im Februar 2017 im Westend Verlag. In den Jahren zuvor verwirklichte er zwei kleinere Buchprojekte (»Unzugehörig« und »Auf die faule Haut«) beim Renneritz Verlag.

Related articles

spot_img

Recent articles

spot_img